Bauernhaus, Baumhaus, Bauhaus

19. September 2002, 20:56
posten

Ronan und Erwan Bouroullec kamen vom Land, konnten gut zeichnen, lernten die Sprache des Designs. Jetzt entwerfen sie Gedichte zum Wohnen und sind die Superstars der Pariser Designszene

  • Die anderen hatten breitere Schultern. Außerdem regnete es dauernd. Und drittens fielen beide Freifächer auf den Mittwochnachmittag: Fußball oder Zeichnen, lautete damit die Wahl. Beides war eben nicht drin. Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec haben gleich mehrere Ausreden parat, wenn sie heute erklären müssen, warum sie Designer wurden und keine Profikicker.

    Die anderen hatten breitere Schultern. Außerdem regnete es dauernd. Und drittens fielen beide Freifächer auf den Mittwochnachmittag: Fußball oder Zeichnen, lautete damit die Wahl. Beides war eben nicht drin. Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec haben gleich mehrere Ausreden parat, wenn sie heute erklären müssen, warum sie Designer wurden und keine Profikicker.

  • Notfalls kommt Ronan dann auch noch mit der Fenstergucker-Geschichte: Er sitzt im Klassenzimmer des Kaffs Quimper und blickt in den vergrauten bretonischen Himmel hinaus, was ihn allemal mehr interessiert, als den langweiligen Ausführungen der Lehrer zu lauschen. Und plötzlich passiert es: Die Öffnung des Fensterrahmens saugt ihn regelrecht ein, und dann kritzelt er einfach verträumt drauflos.

    Notfalls kommt Ronan dann auch noch mit der Fenstergucker-Geschichte: Er sitzt im Klassenzimmer des Kaffs Quimper und blickt in den vergrauten bretonischen Himmel hinaus, was ihn allemal mehr interessiert, als den langweiligen Ausführungen der Lehrer zu lauschen. Und plötzlich passiert es: Die Öffnung des Fensterrahmens saugt ihn regelrecht ein, und dann kritzelt er einfach verträumt drauflos.

  • Beim Zeichnen sollte es freilich nicht bleiben: Wenig später studierte der heute 30-jährige Ronan Industrial Design, und inskribierte an der Pariser "Ecole National Supérieure des Arts Décoratifs" Möbeldesign. Er erhielt ein französisches Staatsstipendium, entwickelte Dinge wie ein Polypropylen-Vasen-Set, bei dem acht weiße Vasen zu zahllosen anderen, größeren Vasen kombiniert werden können, traf 1998 Giulio Cappellini, den Trendscout und Firmenchef des gleichnamigen Möbel-Labels.

    Beim Zeichnen sollte es freilich nicht bleiben: Wenig später studierte der heute 30-jährige Ronan Industrial Design, und inskribierte an der Pariser "Ecole National Supérieure des Arts Décoratifs" Möbeldesign. Er erhielt ein französisches Staatsstipendium, entwickelte Dinge wie ein Polypropylen-Vasen-Set, bei dem acht weiße Vasen zu zahllosen anderen, größeren Vasen kombiniert werden können, traf 1998 Giulio Cappellini, den Trendscout und Firmenchef des gleichnamigen Möbel-Labels.

  • Das war es dann auch schon: Ronan kam ins Business, und . . . ach ja . . . fast hätten wir es vergessen: Natürlich holte er auch noch Bruder Erwan ins billige Studio des Pariser Vororts St. Denis. Den um vier Jahre Jüngeren, der zwar "nur" Kunst studiert hatte, allerdings ebenfalls in Paris. Außerdem kannte der sich viel besser mit Computern aus, während Ronan . . . Man hört es zwangsläufig heraus: Mit der Leichtigkeit von Zwanzigjährigen erzählt sich die Biografie der neuen Superstars der französischen Designszene.

    Das war es dann auch schon: Ronan kam ins Business, und . . . ach ja . . . fast hätten wir es vergessen: Natürlich holte er auch noch Bruder Erwan ins billige Studio des Pariser Vororts St. Denis. Den um vier Jahre Jüngeren, der zwar "nur" Kunst studiert hatte, allerdings ebenfalls in Paris. Außerdem kannte der sich viel besser mit Computern aus, während Ronan . . . Man hört es zwangsläufig heraus: Mit der Leichtigkeit von Zwanzigjährigen erzählt sich die Biografie der neuen Superstars der französischen Designszene.

  • Unkompliziert überfliegen sie seit zwei, drei Jahren die Fachwelt. Das schlägt sich sogar im betont legeren Unterton nieder, mit dem das Londoner "Design Museum" diesen Frühsommer ihre erste große Werkschau betitelte: "The Fabulous Bouroullec Boys". Dass die fabulösen Kerle witzig sind und Erwan als potenzielle Vorbilder nicht etwa Philippe Starck oder Mies van der Rohe auflistet, sondern "My Bloody Valentine", die "Stone Roses" sowie einige Surfer, die den Dreh echt raushaben, fügt sich bestens in dieses lockere Image. Längst handelt es sich dabei um das Markenzeichen "Bouroullec".

    Unkompliziert überfliegen sie seit zwei, drei Jahren die Fachwelt. Das schlägt sich sogar im betont legeren Unterton nieder, mit dem das Londoner "Design Museum" diesen Frühsommer ihre erste große Werkschau betitelte: "The Fabulous Bouroullec Boys". Dass die fabulösen Kerle witzig sind und Erwan als potenzielle Vorbilder nicht etwa Philippe Starck oder Mies van der Rohe auflistet, sondern "My Bloody Valentine", die "Stone Roses" sowie einige Surfer, die den Dreh echt raushaben, fügt sich bestens in dieses lockere Image. Längst handelt es sich dabei um das Markenzeichen "Bouroullec".

  • Etwas Leichtes, Jugendliches charakterisiert die Entwürfe der Brüder, und das Resultat sind Dinge, die so aussehen, wie sie sich deren beste Freunde gewünscht haben. Beispiel Baumhaus. Damit gelang ihnen im Rahmen der Mailänder Möbelmesse im Jahr 2000 der große Durchbruch. "Lit Clos" heißt das Cappellini-Ding, eine Art Schlafkabine auf Stelzen, die in der modernen Home / Work / Socializing-Fusion moderner Wohnsituationen einen geborgenen Rückzugsplatz bietet und solcherart auf veränderte Lebensgewohnheiten reagiert. Auf die Welt der Bouroullecs eben: Ronan ist ein 71er-Jahrgang, Erwan ein 75er.

    Etwas Leichtes, Jugendliches charakterisiert die Entwürfe der Brüder, und das Resultat sind Dinge, die so aussehen, wie sie sich deren beste Freunde gewünscht haben. Beispiel Baumhaus. Damit gelang ihnen im Rahmen der Mailänder Möbelmesse im Jahr 2000 der große Durchbruch. "Lit Clos" heißt das Cappellini-Ding, eine Art Schlafkabine auf Stelzen, die in der modernen Home / Work / Socializing-Fusion moderner Wohnsituationen einen geborgenen Rückzugsplatz bietet und solcherart auf veränderte Lebensgewohnheiten reagiert. Auf die Welt der Bouroullecs eben: Ronan ist ein 71er-Jahrgang, Erwan ein 75er.

  • Wenn es in diesem Alter Zoff mit der Freundin gibt, packt man seine Sachen bekanntlich schnell ein. Im Falle der Bouroullecs gilt das auch für die von ihnen entworfene Küche, eine flexible Einheit, in deren Rahmenkonstruktion der User nach Belieben Regale, Haken und Arbeitsflächen einhängen kann.

    Wenn es in diesem Alter Zoff mit der Freundin gibt, packt man seine Sachen bekanntlich schnell ein. Im Falle der Bouroullecs gilt das auch für die von ihnen entworfene Küche, eine flexible Einheit, in deren Rahmenkonstruktion der User nach Belieben Regale, Haken und Arbeitsflächen einhängen kann.

  • Genau das ist den Bouroullecs, die ihre Designs prinzipiell als Koproduktion ausgeben, denn auch ein besonderes Anliegen: "Wir wollen dem Kunden vor allem Werkzeuge anbieten", sagen sie über ihre Entwurfphilosophie. "Jeder soll dann selbst entscheiden, wie er sie benutzt." "Open objects" nennen sie das und erzählen im gleichen Atemzug, warum Philippe Starcks legendäre Zitronenpresse "Juicy Salif" in ihrem Appartement stets ungenutzt herumstand: Weil sie - wie so vieles im Design der 80er-Jahre - als Kunstobjekt konzipiert war. Mit starkem symbolischen Gehalt. Und wohl auch mit jener Unnahbarkeit, die Exponaten, und sei es bloß getarnter Hausrat, eben eignet.

    Genau das ist den Bouroullecs, die ihre Designs prinzipiell als Koproduktion ausgeben, denn auch ein besonderes Anliegen: "Wir wollen dem Kunden vor allem Werkzeuge anbieten", sagen sie über ihre Entwurfphilosophie. "Jeder soll dann selbst entscheiden, wie er sie benutzt." "Open objects" nennen sie das und erzählen im gleichen Atemzug, warum Philippe Starcks legendäre Zitronenpresse "Juicy Salif" in ihrem Appartement stets ungenutzt herumstand: Weil sie - wie so vieles im Design der 80er-Jahre - als Kunstobjekt konzipiert war. Mit starkem symbolischen Gehalt. Und wohl auch mit jener Unnahbarkeit, die Exponaten, und sei es bloß getarnter Hausrat, eben eignet.

  • So etwas kam in ihrer Kindheit jedenfalls nicht vor. Beide Familien, die des Vaters wie auch jene der Mutter, waren Bauern. Kunst war da ein Luxusgut, das man sich nicht leisten konnte. Die Bedürfnisse waren einfach, das bretonische Klima unangenehm, und wenn an der Scheune herumrepariert wurde, so hatte das so einfach wie effizient zu geschehen. Bodenständig und mit Gummistiefeln trat da der wichtigste design-theoretische Ansatz ins Alltagsleben der Bauernbuben: Fix it, boy! (derStandard/rondo/Robert Haidinger/20/9/02)Fotos: Cappellini, Bouroullec, Vitra

    So etwas kam in ihrer Kindheit jedenfalls nicht vor. Beide Familien, die des Vaters wie auch jene der Mutter, waren Bauern. Kunst war da ein Luxusgut, das man sich nicht leisten konnte. Die Bedürfnisse waren einfach, das bretonische Klima unangenehm, und wenn an der Scheune herumrepariert wurde, so hatte das so einfach wie effizient zu geschehen. Bodenständig und mit Gummistiefeln trat da der wichtigste design-theoretische Ansatz ins Alltagsleben der Bauernbuben: Fix it, boy! (derStandard/rondo/Robert Haidinger/20/9/02)
    Fotos: Cappellini, Bouroullec, Vitra

Share if you care.