Zustimmung zum Euro fällt

19. September 2002, 19:09
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Preisgefühl fehlt - Meinungsforscher: Umrechnung in Schilling verzögert Gewöhnungsprozess

Wien/Linz - Je länger der Euro im Umlauf ist, desto mehr plagen sich die Österreicher mit der neuen Währung. Diese überraschende Tendenz zeigt eine Studie des Linzer Meinungsforschungsinstituts Spectra, das jeweils 1000 Menschen im Februar dieses Jahres und erneut im August über ihr Verhältnis zum Euro befragt hat.

Der Anteil der Befragten, die von einem "schlechteren Gefühl" für den Euro als für den Schilling berichten, ist in den sechs Monaten von 76 Prozent auf 84 Prozent gestiegen. Nur noch 15 Prozent geben an, die beiden Währungen gleich gut zu beherrschen (Februar: 24 Prozent). Die Zustimmung für den Euro sank von 65 auf 55 Prozent, und 49 Prozent gaben an, dass ihnen der Euro weniger sympathisch sei als der Schilling (Februar: 38 Prozent). Statt 26 Prozent im Februar behaupten nun bereits 44 Prozent der Befragten, sie hätten sich nur schwer vom Schilling getrennt.

Ernüchterung

Spectra-Geschäftsführer Klaus Nemetz erklärt diesen paradoxen Trend damit, dass er Euro-Alltag die hohen Erwartungen, die in der Einführungsphase geweckt wurden, nicht erfüllt hat, "Die Einführung war fulminant, es gab Freude über etwas Neues und über die schönen Banknoten. Wenn man jetzt merkt, wie schwer der Umgang mit einer neuen Währung ist, dann macht sich Enttäuschung breit", sagt Nemetz dem STANDARD. Er verweist auch auf den "Teuro"-Effekt - den subjektiven Eindruck, dass der Euro vieles verteuert hat. Dieser nimmt stetig zu: 85 Prozent der Befragten vermuteten im August, dass die Preise durch den Euro gestiegen sind, im Februar waren es nur 74 Prozent.

Das Hauptproblem des Euro sei, dass die Menschen weiterhin in Schilling dachten, so Nemetz. Durch das alte Schilling-Bezugssystem falle es den meisten schwer, ein Preisgefühl für den Euro zu entwickeln - schwerer etwa, als sich im Urlaub auf eine fremde Währung einzustellen. Nemetz vergleicht das mit dem Sport: "Es ist oft leichter, eine völlig neue Sportart zu lernen, als auf eine neue Technik umzusteigen. Wenn der Schilling nie da gewesen wäre, gäbe es jetzt kein Problem."

"Krücke"

Nemetz erwartet, dass die Menschen bei Preisen bis zu zehn Euro bald ein besseres Wertgefühl entwickeln werden, nicht aber bei größeren Beträgen. Dort werde es noch zwei bis drei Jahre, vielleicht sogar länger dauern. Sein Rat, um diese Zeit zu verkürzen: "Man muss sich dazu zwingen, in Euro zu denken und nicht mehr in Schilling umzurechnen. Die Rückrechnung ist eine Krücke. Und wer Krücken verwendet, wird nie richtig gehen lernen." (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe 20.9.2002)

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    Die Euro-Banknoten verloren in der Gunst der Österreicher.

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