Mythos und Depression

19. September 2002, 12:45
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Der Fall Haider - Vom "Sisyphos" bis zum "Narkissos"

Im "Fall Haider" ist jetzt die Stunde der selbst ernannten Psychotherapeuten, Analytiker und Mediatoren angebrochen. Was wird nicht alles gerätselt und erwogen, bedacht und verworfen! Kein Wirtshausgespräch kommt mehr ohne Erörterungen in einem Jargon aus, der zumindest dort nicht alltäglich ist: Haider zeige das "typische Verhalten" eines Manisch-Depressiven, nein, eher doch schizoide Züge oder vielleicht gar das Betragen eines Schizophrenen, und letzte Woche sei er regelrecht selbstmordgefährdet gewesen. Man kennt das ja, zumeist aus dem entfernten Verwandtenkreis.

Ein Land ist in Sorge, Österreich bangt um Jörg. Er liegt auf der Couch der veröffentlichten Meinung, die am Kopfende hockt und hingerissen anhört, was sich der Patient von der Seele quasselt, um es sofort weiterzutratschen.

Nach wie vor genügte es, sich an die Worte zu halten, die nicht Haiders Seelenpein entspringen, um dem "Phänomen, das seit Jahrzehnten die Nation in Atem hält" auf die gar nicht so verborgene Schliche zu kommen:

1. "Ich weiche der Gewalt"

Die Gewalt, die Haider nicht meint, der er aber tatsächlich weicht, hat ihn nicht vor einem Lokal in Klagenfurt in der Person eines Unbekannten überfallen, der ihn und seine Familie mit dem Leben bedrohte. Die Gewalt wurde auch nicht beim Treffen der Knittelfelder Putschisten entfesselt, sondern nahm an jenem Innsbrucker Parteitag 1986 ihren Ausgang, bei dem Haider als neuer Parteichef auf den Schultern seiner Mitstreiter aus dem Saal getragen wurde.

Sie war stets eine Gewalt des Wortes, die keinen Zweifel an ihrer Bereitschaft zu Taten ließ: Sei es in der Erstürmung des Klagenfurter Funkhauses nach der gewonnenen Landtagswahl 1995 durch seine zur "Buberlpartie" verniedlichten Sturmtruppe, sei es in seinen unsäglichen Auftritten vor SS-Veteranen, am Ulrichsberg oder in der Begründung des Volksbegehrens gegen Ausländer - ganz zu schweigen von den stets auf persönliche Herabsetzung und Diffamierung abzielenden Ausfällen Haiders gegen seine Kontrahenten. Haider hat mit seiner Sprache den Begriff des Hasses aufs Neue im politischen Diskurs etabliert und bewusst hingenommen, dass er gegen ihn selbst verwendet wird. Seine Wehleidigkeit jetzt ist nicht angebracht und kommt zu spät.

2. "Sisyphos"

In der griechischen Mytholgie ist der Steinewälzer eine Heiterkeit erregende Schelmenfigur, von der nie ganz klar wird, weshalb sie die Götter zu ewiger Zwangsarbeit verdammt haben. "Verrat", geben einige Quellen ungenau an, aber das kann Haider ja nicht gemeint haben, als er sich vorausblickend diese Rolle zuschanzte: Tendenzen zur Selbstgeißelung sind ihm bisher eher fremd geblieben. Die existenzialistischen Deutung, Sisyphos sei als glücklicher Mensch zu verstehen, weil er angesichts einer unveränderbaren Welt unentwegt und mit höchster Energie das Sinnlose tut, wäre vielleicht nach Haiders Geschmack - gibt sie doch eine Definition des heldenhaften Menschen der Moderne. Sie setzt aber die Erkenntnis der Befriedigung solcher Beschäftigung voraus, und die ist bei Haider nicht gegeben.

3. "Narkissos"

Kein anderer Politiker wurde so oft und leichtfertig mit dem selbstverliebten Jüngling verglichen, der sich aus Gram, sein Spiegelbild nicht besitzen zu können, das Leben nimmt. Nicht in dem, was Haider zuletzt gesagt und getan hat, zeigt sich narzisstisches Gebaren, sondern im Wie: Das Signal, sich im schwarzen, uniformen Jäckchen mit orange-rotem Hemd in die Pose des vorerst letzten Rücktritts zu werfen, bedeutet uns, dass hier ein einsamer, aufrechter Soldat des Lebens die Waffen streckt. Sie verdeckt aber die ultimative Geste, die ein Begreifen ist: Die tastende Hand, die das eigene Spiegelbild liebkosen will, greift durch die Oberfläche hindurch ins Leere. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2002)

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