Disneys goldener Käfig

18. September 2002, 20:27
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Dass der Disney-Konzern auch reale Städte baut, ist hier nur wenigen bekannt - auch die Tatsache, dass hinter der Fassade ein autoritäres Konzept steht.

Ein Haus mit Garten am Stadtrand. Das war lange Zeit der Stoff amerikanischer Familienträume. Raus aus dem Großstadtmoloch in die beschauliche Vorstadtwelt. Doch die Idylle hat in den 90er Jahren Risse bekommen: Auch im kleinstädtischen Milieu stieg die Kriminalitätsrate, das Sicherheitsgefühl begann zu schwinden. Die Politik reagierte mit „Zero Tolerance“, aber das Misstrauen der Bevölkerung in die eigene Führung wuchs. Während der Staat Hochsicherheitsgefängnisse baute, errichten Private streng bewachte und mit Mauern umgebene Hochsicherheitssiedlungen, die Gated Communities, für die verängstigten Dagobert Ducks.

Walt, der Visionär

Walt Disney hatte bereits in den 60er Jahren die Vision einer „planned and controlled city“ der Zukunft, doch nach seinem Tod 1966 verschwanden die Entwürfe in den Archiven. Erst ein Vierteljahrhundert später griff Disney-Präsident Michael Eisner die Idee wieder auf und realisierte sie: 1996 zogen die ersten Bewohner in Celebration City ein. Aber anders als in Disneys Plan ist Celebration City nicht mit futuristischen Glaskuppeln ausgestattet, sondern orientiert sich an der Kleinstadt des 19. Jahrhunderts. Sie verbirgt sich auch nicht hinter hohen Mauern und Stacheldrahtverhauen, wie die klassische Gated Community, aber gegenüber unerwünschten Zutritt soll sie trotzdem Schutz bieten. Dieser beruht auf der perfekten Gemeinschaft.

Von Hobbes zu Disney

Das Konzept dieser Gemeinschaft geht ebenfalls weit in die Vergangenheit zurück. Mördinger sieht in Celebration City die Ideen des Staatstheoretikers Thomas Hobbes verwirklicht. Dieser formulierte 1651 das Konzept eines allmächtigen Herrschers, der die menschlichen Leidenschaften zügeln soll. Dieser wird von der Bevölkerung akzeptiert, um dem Krieg Aller gegen Alle ein Ende zu setzen. Diese machtvolle, fiktive Gestalt nannte Hobbes, in Anlehnung an ein Seeungeheuer aus der jüdisch-christlichen Mythologie, Leviathan. Dieser erscheint bei Disney allerdings weniger furchterregend, sondern eher wie eine gutbürgerliche Mickey-Maus.

New Urbanism - Gebaute Old School

Grundlage der Herrschaft des Leviathan ist ein Vertrag, den die Menschen mit ihm abschließen. So auch die Bewohner von Celebration City. Mit dem Kauf eines Hauses verpflichten sie sich zur Einhaltung eines Regelwerks, dass zunächst das städtebauliche Konzept des sogenannten New Urbanism durchsetzen soll. Dieser sieht eine dorfähnliche aber dichte Bebauung vor sowie ausreichend öffentlichen Raum als sozialen Treffpunkt. Die Gebäude müssen ein harmonisches Außenbild abgeben, weshalb einige wenige Baustile (alle aus dem 19. Jhdt.) vorgegeben sind und die Farben auf zarte Pastelltöne beschränkt sind. Der Rasen muss vorschriftsmäßig gemäht werden, andernfalls rückt eine Gärtnerbrigade aus und erledigt dies auf Kosten der Hausbesitzer.

Die zweite Aufgabe des Regelwerks ist das Vorschreiben einer Gemeinschaft. Wer Blockpartys und Wohltätigkeitsveranstaltungen zum Sterben langweilig findet, hat in Celebration City Pech gehabt. Diese zu besuchen verlangt nämlich der Vertrag, und bei dessen Einhaltung versteht Disney keinen Spaß. Kommt es zu wiederholten Regelbrüchen, kann den Bewohnern ihr Haus abgekauft werden, was den Verlust des Wohnrechts bedeutet.

Pax Americana

Wie der Leviathan hat auch Disney das Ziel den Frieden in der Gemeinschaft zu gewährleisten, im konkreten Fall die Verhinderung vom Kriminalität durch eine harmonische Umgebung aus Lebkuchenhäuschen mit Zuckerglasur. Die Verbrechensrate ist tatsächlich vernachlässigbar gering. Der Preis der dafür zu entrichten ist, ist aber beträchtlich. Celebration City kennt weder kommunale Demokratie noch Gewaltenteilung. Disney vereinigt Legislative sowie beträchtliche Teile von Exekutive und Jurisdiktion in der Person des Townmanagers und dieser wird vom Disney-Konzern eingesetzt. Damit können die Betroffenen die Regeln, die tief in ihr Leben eingreifen, nicht beeinflussen. Sie haben den Vertrag zwar freiwillig unterschrieben, aber ist das System auch offen für Veränderung und was sagt die nächste Generation? Will sie im real gewordenen Disney-Trickfilm leben? Die Vermutung des Autors, dass das Konzept an diesen Fragen Scheitern könnte ist plausibel. Das größte Manko der „perfekten“ Gemeinschaft dürfte allerdings sein, dass sie einer der amerikanischen Grundtugenden widerspricht: dem Individualismus. (red)

Rezension von Thomas Müller zu einer Arbeit von Thomas Mördinger

Thomas Mördingers Text kann man auf der Website mnemopol.net nachlesen.

Thomas Mördinger studiert Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Wien. Er ist Mitarbeiter in kommunikationshistorischen Seminaren und arbeitet an seiner Diplomarbeit über die Journalistin und sozialdemokratische Abgeordnete zum Nationalrat Adelheid Popp (1869-1939).

  • Der "bürgerliche Mickey" mit Walt Disney CEO Michael Eisner in Anaheim, California.

    Der "bürgerliche Mickey" mit Walt Disney CEO Michael Eisner in Anaheim, California.

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