Die an der Wissenschaft zerbrochene Poesie

18. September 2002, 19:55
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Eine Tagung über Hofmannsthals "Brief"

Wien - Was hat einer der meistzitierten Texte der modernen Poetik, Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief, mit Wissenschaft zu tun? Unter anderem das: Dass er das Verhältnis von Wissenschaft und Dichtung, von "fact" und "fiction", von Tatsache und Deutung zum Thema macht. Vor hundert Jahren gab der junge Hofmannsthal seine Flaschenpost auf, datiert mit "1603", adressiert an keinen Geringeren als an den berühmtesten Philosophen der Zeit, den Empiristen Francis Bacon.

Diese erfundene (sehr monologische) Briefpartnerschaft bringt also Grundprobleme der Moderne um 1900 zur Sprache: Das Verhältnis von Empirie und Metaphorik war auch für Ernst Mach zentral, für Sigmund Freud, für Robert Musil und für Kognitionstheorien der Zeit, wie Sabine Schneider in einem Referat auf einer dem Brief gewidmeten Tagung in Wien am letzten Wochenende zeigte:

Zur Feier des hundertjährigen Postweges hatte die Hofmannsthal-Gesellschaft die gute Idee, ihr Symposion auf diesen "Brief" zu konzentrieren, und zwar auf verschiedenen Ebenen: von Referaten über Lesungen hin zum Neuschreiben des Briefes durch Gegenwartsautoren. Der Chandos-Brief mit seinem vorgeblichen Sprachzweifel und seinem Programm anti-ästhetizistischen Schreibens und seiner Hinwendung zu unscheinbaren Gegenständen des Alltags (die arme "rostige Gießkanne" darin!) gilt für viele Autoren (etwa für Peter Handke) als Grundtext modernen Schreibens.

Auffällig ist aber, dass in der österreichischen Literatur nach 1945 ein anderes Denksystem eine viel wichtigere Rolle spielte, nämlich das Sprachdenken Ludwig Wittgensteins. Gegen dessen strenge Kargheit wirkt Hofmannsthals Programm üppig.

Ludwig statt Hugo

David Wellberry machte im besten Referat der Tagung auch klar, weshalb: untere anderem einer Kunstmetaphysik wegen, die über das Ausbleiben von Inspiration klagt, ohne zuzugeben, dass die Einheit von Inspiration und "Ich" in der modernen Welt eben notwendig zerfallen muss. Stattdessen entwerfe Hofmannsthal noch einmal "das Design einer textuellen Maschine für die Produktion von Transzendenz".

Deren Zerstörung kann aber selbst wieder großartige Texte produzieren: Herausragend in einer Dichtermatinee mit Antwortbriefen war der Text von Peter Waterhouse. Er nahm die Grundthemen - Problem von Fremdheit, von Metaphorik, von Biografie - auf: Ein Kind hört in Malaysia von einem Brief, der aus Österreich nach England geschrieben wurde. Darin große Wörter (wie sie der Chandos-Brief kritisiert): "Österreich", "England", "Krieg". Und was macht man mit diesen großen Wörtern? Die Metaphorik der Kindersprache experimentiert. Hofmannsthal wird hier in die Gegenwart übersetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2002)

Von
Richard Reichensperger
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