Neuneinhalb Wochen

18. September 2002, 20:14
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Die ÖVP legt es auf ein direktes Duell mit Gusenbauer an - mit guten Aussichten - von Michael Völker

Neuneinhalb Wochen sind es noch bis zum Wahltermin - eine kleine Ewigkeit, in der sich noch eine Menge tun kann. Aus jetziger Sicht scheint aber ausgerechnet Wolfgang Schüssel, der als Bundeskanzler mit seiner schwarz-blauen Koalitionsregierung vorzeitig Schiffbruch erlitten hat, ausgezeichnete Karten zu haben, und eine zweite Bestandsaufnahme lässt sich aus dem Tag heraus ebenfalls treffen: Eine rot-schwarze Koalition ist aus jetziger Sicht die wahrscheinlichste Variante.

Die Volkspartei steigt seit dem Crash in der Regierung beständig in den Umfragen. 33 Prozent sind derzeit ein relativ stabiler Wert, das sind immerhin sechs Prozent mehr als bei der letzten Nationalratswahl. In anderen Umfragen liegt Schüssels ÖVP sogar schon bei 35 Prozent und hätte damit zur SPÖ nahezu aufgeschlossen. Das ist insofern seltsam, als man Schüssel für das Scheitern der Regierung verantwortlich machen könnte, immerhin hat er den Pakt mit Jörg Haider geschlossen und den unberechenbaren Partner, das Schmuddelkind FPÖ, ins Boot geholt.

Schüssel profitiert derzeit aber von der Schwäche der anderen: Die SPÖ unter Alfred Gusenbauer hat ein Problem, und das heißt Alfred Gusenbauer. Der Parteivorsitzende kommt im medialen Auftritt nicht glaubwürdig rüber, er ist kein Sympathieträger. So überzeugend Gusenbauer im persönlichen Kontakt wirken kann, seine Fernsehauftritte und die Sprache, der er sich bedient, schaffen umso mehr Distanz. Und hinter diesem Erscheinungsbild bleiben erfahrungsgemäß die Inhalte, die es im Wahlkampf unter das Volk zu bringen gilt, weit zurück.

Auch Schüssel ist nicht unbedingt ein Sympathieträger, viele verbinden mit ihm das Bild des schmallippigen Ehrgeizlings, der um jeden Preis an die Macht will und sich mit der Kanzlerschaft einen persönlichen Traum erfüllt hat.

Aber der Kanzler, der er nun einmal ist, hat mehrere Vorteile auf seiner Seite: Er ist Kanzler. Er kann auf seine Erfahrung in der Regierung verweisen, immerhin schon 14 Jahre. Und er hat ein Team. Die Regierungsmannschaft um ihn herum ist bekannt und etabliert. Gusenbauer steht derzeit noch völlig alleine da, der neue FPÖ-Obmann Mathias Reichhold sowieso.

Der Höhenflug der ÖVP lässt sich auch durch ein anderes Phänomen erklären: Die These des "kleinen Mannes", der entweder die SPÖ oder - aus Protest - die FPÖ wählt, lässt sich so nicht mehr halten. Derzeit findet ein Wähleraustausch zwischen FPÖ und ÖVP statt. Maßgeblicher für die Wählerentscheidung scheint die Lagerzugehörigkeit zu sein: Das rechte Lager verliert kaum Stimmen nach links. Aber innerhalb des rechten Lagers wechseln die Sympathien von der FPÖ zur ÖVP.

Die ÖVP setzt in der Auseinandersetzung mit der SPÖ daher völlig richtig auf das Kanzlerduell, auf die Konfrontation zwischen den Personen Schüssel und Gusenbauer. Darauf ist die ganze Wahlkampfstrategie der Volkspartei ausgelegt, und die SPÖ mit Gusenbauer wird sich schwer tun, sich dieser direkten Gegenüberstellung, dem "Hahnenkampf" der zwei Spitzenkandidaten, zu entziehen.

Eine Etage drunter eröffnen die Grünen das zweite Duell, um nicht völlig zwischen den beiden großen Kontrahenten aufgerieben und übersehen zu werden: der Wettlauf um den dritten Platz, eine sehr bestimmte Kampfansage.

An der Stärke der Grünen, noch mehr aber am Ergebnis der ÖVP wird es liegen, ob sich ein möglicher Wahlsieger Gusenbauer seine Koalition aussuchen kann oder ob er dem Druck von außen nachgeben und mit der ÖVP eine Regierung bilden muss.

Gusenbauers Vorliebe ist bekannt: Rot-Grün. Je stärker aber Schüssel und die Volkspartei abschneiden, desto massiver wird der Druck aus der eigenen Partei, aus der Sozialpartnerschaft, hauptsächlich aber aus Wirtschaft und Industrie werden, kein neuerliches Experiment einzugehen, sondern auf Bewährtes, auf eine große Koalition zu setzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2002)

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