Wahlforscher wirft Allensbach und Forsa Fehleinschätzungen vor

18. September 2002, 18:08
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Jürgen Falter warnt davor, Stoiber oder Schröder vorzeitig zum Sieger der Bundestagswahl zu erklären

Hamburg/München - Der Mainzer Wahlforscher Jürgen Falter hat die Aussagekraft aktueller Wahlumfragen bezweifelt und den Instituten Allensbach und Forsa Fehleinschätzungen vorgeworfen. Allensbach habe vor der Flut erklärt, die deutsche Wahl sei bereits für Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) entschieden, sagte Falter dem "Münchner Merkur" (Donnerstagsausgabe). "Das war damals unrealistisch, weil nicht absehbar war, was noch passieren würde." Ebenso unrealistisch sei aber auch die Einschätzung von Forsa, Stoiber habe keine Chance mehr.

"Es gibt einfach keine empirische, auf zuverlässige Umfragen gestützte Basis, aufgrund derer man sagen könnte, die Wahl sei bereits entschieden", sagte Falter. Der Politikwissenschaftler bezweifelte die jüngste Allensbach-Umfrage, derzufolge die Union gegenüber der SPD einen Vorsprung von 0,3 Prozentpunkten hat. Der statistische Fehler der Umfragen sei viel größer als nur einige Stellen hinter dem Komma. "Wenn für die Union in Umfragen 40 Prozent ermittelt werden, kann sie irgendwo zwischen 37 und 43 Prozent liegen", sagte Falter. Jedes Resultat in diesem Bereich könne richtig, aber auch "ein reines Zufallsergebnis" sein.

Überdies sei es ein Fehler, die Umfragen der Institute bereits als Prognosen zu interpretieren. "Bis kurz vor dem Wahltag messen die Umfragen nur Stimmungen." Vier Tage vor der Wahl sei kein Sieger auszumachen, sagte Falter. "Ich rechne mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Auch wenn Rot-Grün im Augenblick die Nase vorn hat: Die beiden Lager liegen so dicht bei einander, dass jedes Ergebnis möglich ist."

Vier der fünf führenden Meinungsforschungsinstitute sehen in ihren aktuellen Umfragen die SPD vor der Union und eine knappe Regierungsmehrheit für Rot-Grün, wenn die PDS nicht den Wiedereinzug in den Bundestag schafft. Die jüngste Allensbach-Umfrage, die am Mittwoch von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde, sieht die Union bei der so genannten Sonntagsfrage hingegen bei 37,3 Prozent, die SPD bei 37 Prozent, die Liberalen bei 10,1 Prozent, die Grünen bei 7,2 Prozent und die PDS bei 4,4 Prozent. Sollte die PDS den Wiedereinzug in den Bundestag nicht schaffen, hätten bei dieser Umfrage Union und FDP eine Regierungsmehrheit.

Das Magazin "stern" veröffentlichte am Mittwoch die neuen Ergebnisse der Forsa-Sonntagsfrage, wonach die SPD auf 40 Prozent kommt und die CDU/CSU auf 38 Prozent. Die Grünen erhalten demnach sieben Prozent, die Liberalen acht Prozent, und die PDS kommt auf vier Prozent. Die Werte sind identisch mit denen der am vergangenen Freitag von RTL veröffentlichten Forsa-Umfrage, basieren aber auf einem größeren Erhebungszeitraum und mehr Befragten.(APA)

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