Serbische Medien von Vergangenheit eingeholt

18. September 2002, 14:31
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Streitigkeiten zwischen NGOs und einstigen regimekritischen Medien

Serbische Medien werden nun knapp zwei Jahre nach der Wende in Belgrad von der Vergangenheit eingeholt. Seit einigen Wochen toben zwischen nichtstaatlichen Organisationen (NGO) und einstigen führenden regimekritischen Medien heftige verbale Duelle. Dabei hatten sie unter dem Regime von Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic, das sie als "fremde Söldner, Verräter und Spione" abqualifiziert hatte, jahrelang eng zusammengearbeitet. Die meisten der einstigen regimenahen Medien wurden von der Kritik der nichtstaatlichen Organisationen dagegen verschont. Die führenden Privatmedien, die früher das Regime von Milosevic nach Kräften unterstützt hatten, haben in den neuen Behörden längst Beschützer gefunden.

"B-92" und "Vreme" an den Pranger gestellt

Seitens der Leiterinnen des Helsinki-Komitees für Menschenrechte in Serbien, Sonja Biserko, und des Menschenrechtsfonds, Natasa Kandic, wurden vor allem der Sender "B-92" und die Zeitschrift "Vreme" an den Pranger gestellt. Die Kluft, die zwischen den nichtstaatlichen Organisationen und diesen Medien in den vergangenen zwei Jahren entstand, wurde Anfang August offenbar. Der Mitarbeiter des serbischen Helsinki-Komitees, der Belgrader Journalist Petar Lukovic, hatte in der kroatischen Zeitschrift "Feral Tribune" den serbischen unabhängigen Medien vorgeworfen, die von Serben verübten Kriegsgräuel außer Acht gelassen zu haben.

Totalitär wie der Nationalismus

Im selben Artikel wird auch die Aussage Biserkos zitiert, die meinte, dass die unabhängigen Medien "Anstrengungen nicht nur dahingehend unternehmen, die Verbrechen zu minimieren, sondern sie auch entethnifizieren". Die Art und Weise, wie diese neue Wahrheit von den Medien präsentiert werde, sei ebenso totalitär wie der Nationalismus, der vor geraumer Zeit die Kriegsmaschinerie in Bewegung gesetzt habe, meinte Biserko, die in diesem Zusammenhang namentlich den Sender "B-92" und die Zeitschrift "Vreme"erwähnt hatte.

Auf die Vorwürfe reagierten sowohl "Vreme"-Chefredakteur Dragoljub Zarkovic als auch der Leiter der Assoziation unabhängiger elektronischer Medien (ANEM), Veran Matic, sofort. Zarkovic warf Biserko vor, die Idee der kollektiven anstatt der individuellen Verantwortung zu befürworten. Die Denkart, die ein ganzes Volk beschuldigt, für Kriegsverbrechen verantwortlich zu sein, sei eine totalitäre Idee, reagierte Zarkovic in der Zeitschrift auf die Kritik Biserkos.

Verzeichnis von Sendern

Matic wies letzte Woche in einem Bericht für das Londoner Institut für Kriegs- und Friedensberichterstattung auf ein langes Verzeichnis von Sendungen des Belgrader Kleinsenders hin, der sich seit längerer Zeit systematisch mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Der TV-Sender "B-92" sendete mehrere hunderte Stunden Programm über Kriegsthemen, in der regelmäßigen Radiosendung "Katharsis" wurden Aussagen von hunderten Augenzeugen der Kriegsverbrechen aller Volksgruppen gebracht, zählte Matic auf. Das sendereigene Verlagshaus "Samizdat" gab zahlreiche Bücher mit Kriegsproblematik heraus. Ein Buch über das Massaker bosnisch-serbischer Truppen in Srebrenica war gar zuerst in Belgrad, erst danach auch in Sarajewo erschienen.

Solange die Anhänger von Milosevic bei der Polizei und Justiz tonangebend seien, werde auch die journalistische Recherchearbeit nur mühsam voran kommen, heißt es in Belgrader Journalistenkreisen. Es wird auch darauf hingewiesen, dass die These von Biserko über die kollektive Verantwortung der Serben für die Kriegsverbrechen jener von Ex-Präsident Milosevic gleicht. Er beharrte vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal von Anfang an darauf, dass nicht nur er, sondern sein ganzes Volk vor Gericht stünden. (APA)

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