Auf Streife in der DDR

17. September 2002, 21:04
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Ein Tipp für den sehr späten Mittwochabend: Auf MDR läuft Thomas Heises "Volkspolizei 1985"

Es gibt Filme, die Briefe an die Zukunft sind. Die für ein Publikum entstehen, das es in ihrer Entstehungszeit noch gar nicht gibt oder geben darf. Erst viel später, wenn man sie wiederentdeckt, offenbaren sie einen Blick auf etwas, was dann vielleicht selbst nicht mehr existiert.

Der deutsche Dokumentarfilmemacher Thomas Heise (Neustadt) hat im Jahr 2001 zwei Filme rekonstruiert, die er 1984 beziehungsweise 1986 in der DDR gedreht hatte: Das Haus und Volkspolizei 1985. Schon ihre Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich, da Heise und sein Kameramann Peter Badel sich quasi als offizielle Dokumentaristen ausgaben, um so Zutritt in die Institutionen zu erhalten, die sie darin porträtieren.

Das Haus zeigt die Abläufe (oder besser: das Behindern von Abläufen) in einer Art Magistrat für soziale Anliegen. Volkspolizei 1985, der in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag um 0.05 auf MDR läuft, begleitet eine Woche lang die Arbeit der Exekutive in einem Berliner Bezirk. Man sieht Alltagsmomente: Streifenfahrten, die Festnahme eines obdachlosen Mannes und eines Punkers, den Streit zwischen Nachbarn, der geschlichtet werden will.

Aber gerade der direkte Blick auf den Alltag, auf seine leeren Stellen, wo es dann passieren kann, dass jemand nach dem Sinn der Mauer fragt, ist das Verbotene dieses Films. Denn die Macht enthüllt sich nur in der Abweichung, wenn die Ordnung einmal gestört ist und wieder hergestellt werden muss. Dabei bleibt Volkspolizei ganz undemagogisch, fügt der Gegenwart nichts hinzu außer eben diesem Blick. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh
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