Die Konsequenzen von Untätigkeit

17. September 2002, 19:57
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"Das Schrecklichste ist die soziale Isolierung der arbeitslosen Menschen" - Der Sozialforscherin Marie Jahoda, die einst zu diesem Schluss kam, ist eine Ausstellung gewidmet

Gramatneusiedl - Am heutigen Mittwochnachmittag wird im niederösterreichischen Gramatneusiedl eine Ausstellung über die im April letzten Jahres verstorbene Sozialforscherin Marie Jahoda eröffnet. Im Zusammenhang damit kann man die zur Gemeinde gehörende und kürzlich revitalisierte Arbeitersiedlung Marienthal besuchen.

Der Zeitpunkt für diese mit sozialdemokratischer Prominenz bestückte Veranstaltung hätte nicht besser gewählt werden können. Zwischen dem aktuellen Wahlkampf einerseits und den lange währenden Debatten um die Ursachen und Folgen von Arbeitslosigkeit andererseits tut man gut daran, sich die Bedeutung von "Marienthal" in Erinnerung zu rufen.

Der Name nämlich steht für eine Tradition in der empirischen Sozialforschung, die ihre Wurzeln im Austromarxismus hat, in einer Konflikte nicht scheuenden Bewegung. Drei Viertel der fast 500 Familien des Ortsteiles wurden arbeitslos, als die Marienthal-Trumauer AG, eine Spinnerei, ab 1929 in die Pleite schlitterte. Eine Gruppe engagierter Uni-Forscher um den Psychologie-Assistenten Paul Lazarsfeld untersuchte darauf mit innovativen Methoden, welche Konsequenzen die erzwungene Untätigkeit auf die Gemeinschaft, die Familien und die Individuen hatte.

Die Untersuchung erschien knapp vor dem Ende der Demokratien in Deutschland und Österreich; die beteiligten Wissenschafter verließen das Land. Lazarsfeld in den USA wie auch seine wichtigste Mitarbeiterin, Jahoda - in England, den USA und wieder England -, beriefen sich bei weiteren Arbeiten häufig auf ihre Pionierarbeit der soziografischen Feldforschung.

Als Jahoda 1980 zum ersten Mal wieder die Siedlung besuchte (ein Team, dem der Autor angehörte, hatte sie anlässlich einer Follow-up-Studie eingeladen), betonte sie erneut die Bedeutung einer Politik, die für Arbeitsplätze sorgt - die Folgen des Gegenteils seien gar nicht zu überschätzen: "Das Schrecklichste ist die soziale Isolierung der arbeitslosen Menschen."

Auch im Renner-Institut und an anderen Stätten sozialdemokratischer Diskussion hörte man ihre Worte, fügte sich aber in der Praxis bekanntlich immer stärker den "Sachzwängen", die eine andere Politik diktieren.

Die nun zusammengelegten und sanierten Siedlungswohnungen sind vom Architekten Josef Hums sanft an die Notwendigkeiten des 21. Jahrhunderts herangeführt worden. Noch offen ist, ob die Gemeinde eine der winzigen Wohnungen im Originalzustand restaurieren wird. Das zumindest ist der Wunsch des Grazer Soziologen Christian Fleck, der den Jahoda-Nachlass verwaltet. Er hofft auch, dass die Gemeinde sich mit anderen empirisch erforschten Orten wie Middletown (eigentlich Muncie, Indiana) und Yankee City (alias Newburyport, Massachusetts) zusammentun und ihre Chance als ehemalige company town wahrnehmen wird. Immerhin: 2004 wird in Marienthal ein internationaler Kongress stattfinden. (Michael Freund, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2002)

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