Außenpolitik auf der Autobahn

17. September 2002, 19:35
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Mit dem grünen Spitzenkandidaten Fischer im Joschka-Mobil unterwegs im Wahlkampf

Hamm - Ab und zu öffnet sich der braune Vorhang, dann tritt Joschka Fischer auf und will die aktuelle Weltlage besprechen: "Westerwelle statt Pleitewelle. Da hätten sie besser ein Gleichsetzungszeichen gemacht", frotzelt er über das neueste Plakat von FDP-Chef Guido Westerwelle. Dann erkundigt er sich, ob jemand wisse, was Bayerns Innenminister Günther Beckstein bei der Pressekonferenz zum Thema Zuwanderung in Berlin genau gesagt habe.

Während der grüne Spitzenkandidat mit dem Joschka-Bus auf Wahlkampftour durch Deutschland ist, will er stets auf dem Laufenden gehalten werden. Seinen Amtsgeschäften als Außenminister widmet er sich an den Vormittagen, an denen normalerweise keine Termine stattfinden. Wenn der Vorhang im hinteren Bereich des Busses zugezogen ist und der Bus ruhig auf der Autobahn dahindüst, flüstern seine vier Mitarbeiter: "Er arbeitet." Während längerer Fahrtstrecken lässt Fischer - hingefläzt auf die Couch - durch seinen Sprecher zum Interview im Separee bitten.

Der Bus mit den getönten Scheiben, auf dem riesengroß Fischers Konterfei und der Schriftzug "Joschka" prangt, ist im vorderen Teil wie ein normaler Reisebus, im hinteren Teil allerdings mit einem abgetrennten Bereich. Normalerweise mieten Popstars das Gefährt für Konzerttourneen an. Es hupen auch immer wieder Autos, Menschen am Straßenrand winken, wenn sich der Bus - begleitet von zwei Limousinen mit Personenschutz - durch die Lande bewegt. In Städten wie Köln und Düsseldorf eskortieren Motorradpolizisten das Fahrzeug. In kleineren Orten wie Hamm findet das Navigationssystem den Weg.

Wenn die Plakate "Joschka kommt" locken, dann sind die Säle brechend voll, egal wo Fischer hinkommt. In Bielefeld sind es rund 3000 Menschen, die zuhören, wie der Obergrüne die Absage an eine deutsche Beteiligung bei einem möglichen Irak-Krieg verteidigt.

Während Bielefeld angesteuert wird, werden im Bus Erinnerungen ausgetauscht. "Zum Glück sind wir nicht in derselben Halle", raunt einer. Vor zweieinhalb Jahren hatte Fischer in Bielefeld von der grünen Basis auf einem aufgeheizten Parteitag die Zustimmung zum Kriegseinsatz im Kosovo erzwungen. Damals war er als "Kriegstreiber" beschimpft worden und hatte einen Farbbeutel abbekommen, der ihn am Ohr verletzte. Diesmal präsentiert sich Fischer als Friedensverfechter und wird von seinen Anhängern mit donnerndem Applaus verabschiedet. Erschöpft und müde sind Fischer und seine Mitstreiter an diesem Abend.

Das Team, das seit 6. August auf Achse ist, ist gut eingespielt. Zwei Personenschützer mit Knopf im Ohr und Zeitung in der Hand sitzen im vorderen Bereich des Busses, der Pressesprecher versucht mit Laptop und Handy die Verbindung zur Nachrichtenwelt aufrecht zu erhalten. Auf zwei Tischchen stehen Obst und Süßigkeiten, es gibt frischen Espresso.

In der ersten Reihe thront das Bus-Maskottchen, ein riesiger Esel mit rotem Halstuch. Eigentlich hatte das Plüschtier CDU-Chefin Angela Merkel bei einer Tombola in Bayern gewonnen, als sich die Wege Merkels und des grünen Spitzenpolitikers kreuzten. Aber Merkel wollte nicht mit dem Esel fotografiert werden, schenkte ihn weiter, bis er über Umwege im Bus der Grünen landete. Aus Furcht vor einem "trojanischen Esel" wurde er von Sicherheitsleuten streng kontrolliert. Schließlich werden Merkel auch Ambitionen auf das Außenminister-Amt nachgesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

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