"Ich habe die Welt nicht verändert"

30. Dezember 2003, 21:10
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Die Sozialforscherin Marie Jahoda wurde mit ihrer Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" weltbekannt

"Ich habe die Welt nicht verändert..." titelt bescheiden die Autobiografie der weltberühmten, im Vorjahr verstorbenen Sozialforscherin Marie Jahoda - die im Campus-Verlag erschienen ist. Dass die Sozialdemokratin die Welt sehr wohl ein Stück verändert hat, zeigt sich darin, dass ihr Name 70 Jahre nach der von ihr verfassten Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" in der Sozialforschung ungebrochene Bedeutung hat.

Die Arbeitslosigkeit von 1929

Mit der Weltwirtschaftskrise wurden auch im Ortsteil Marienthal der niederösterreichischen Gemeinde Gramatneusiedl drei Viertel der 478 Familien des Ortsteiles arbeitslos, als die Marienthal-Trumauer AG, eine Spinnerei, ab 1929 in die Pleite schlitterte. Marie Jahoda und ihr Ehemann Paul Lazarsfeld sowie Hans Zeisel untersuchten daraufhin die sozialen und psychologischen Konsequenzen der erzwungenen Untätigkeit. "Es war damals eine große Debatte in der Sozialdemokratie, ob lange Arbeitslosigkeit zu Revolution führt, daher hat man unsere Arbeit so begrüßt. Von Marienthal haben wir gelernt, dass aus materiellem Elend kein Weg zu fortschrittlichem Denken führt - vielmehr mündet es in Resignation", meinte Jahoda viele Jahre später.

Soziales Engagement als oberstes Prinzip

Die damals völlig neue, von Charlotte Bühler eingeführte, wissenschaftliche Methode, menschliche Schicksale nach empirischen, psychologischen und soziologischen Techniken zu erforschen, hatte sie bereits in ihrer Dissertation "Anamnesen im Versorgungshaus" (Promotion 1932) angewandt. Ihr oberstes Prinzip, den Menschen ihrer wissenschaftlichen Forschung nie zu schaden - auch auf die Gefahr, Ergebnisse zurückhalten zu müssen - weist auf das soziale Engagement der Jahoda. Schon als Gymnasiastin und Mitglied der "Vereinigung Sozialistischer MittelschülerInnen" träumte sie von einer besseren "sozialistischen Gesellschaft, die ich mit Sicherheit zu erleben erwartete".

Wissenschaft im Exil

Ein Traum, der nicht lange währte. Denn die 1907 in Wien geborene Jüdin hatte sich nach dem Verbot der Sozialdemokratie 1934 bei den illegalen Revolutionären SozialistInnen politisch betätigt. Bereits 1937 wurde sie zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt, aus dem sie nach mehrmaligen Interventionen aus Frankreich und Großbritannien mit der Auflage, Österreich zu verlassen, entlassen wurde. Die Zeit des Exils verbrachte die studierte Psycho - und Soziologin in London, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Lehraufträge in den USA sowie auch in London an der Brunel University und der University of Sussex, deren Mitbegründerin sie war, folgten.

Marie Jahoda starb 94-jährig am 29. April 2001 in Sussex. (dabu)

Das Buch "Die Arbeitslosen von Marienthal" ist in der edition suhrkamp erschienen, eine Neuausgabe bei Transaction ist in Vorbereitung.

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Marienthal
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    Die weltberühmte Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" der im Vorjahr verstorbenen Soziologin Marie Jahoda ist in der heutigen Forschung nach wie vor wesentlich.
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    Geboren 26.01.1907 in Wien
    Gestorben 29.04.2001 in Sussex (GB)
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