Durch Erfahrung wurde Fischer klug

19. September 2002, 17:04
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Der deutsche Außenminister und grüne Spitzenkandidat Joschka Fischer im STANDARD-Interview

Der deutsche Außenminister und grüne Spitzenkandidat Joschka Fischer ist mit Abstand der beliebteste Politiker der Bundesrepublik. Rot-Grün werde die Mehrheit ausbauen, erklärte er Alexandra Föderl-Schmid.

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STANDARD: Hat Sie erstaunt, dass Gerhard Schröder ein so klares Bekenntnis zu den Grünen abgegeben hat? Am Anfang des Wahlkampfes wollte er keine klare Koalitionsaussage, am Sonntag haben Sie und Herr Schröder erstmals gemeinsam eine Kundgebung abgehalten.

Fischer: Das hat mich nicht erstaunt. Weil es eine klare Richtungsentscheidung ist zwischen ökologischer und sozialer Erneuerung, für die wir stehen, und einer Politik von Helmut Kohl ohne Kohl. So wird das von den Wählern unserer beiden Parteien gesehen. Wir haben die große Chance, unsere Mehrheit zu verteidigen und auszubauen. Die wollen wir nutzen.

STANDARD: Das heißt, Sie halten nicht für möglich, dass die SPD mit der FDP eine Koalition eingehen könnte?

Fischer: Ich gehe davon aus, dass wir unsere Mehrheit verteidigen und ausbauen können, wenn wir diese Woche noch voll durcharbeiten und mobilisieren. Wenn die Mehrheit da ist, werden wir diese Koalition realisieren.

STANDARD: Werden Sie Ihr Wahlziel acht plus x Prozent erreichen?

Fischer: Die Stimmung ist exzellent. Ich kann mich an keinen vergleichbaren Wahlkampf erinnern, weder auf Bundes- noch auf Landesebene. Wir werden unser Ziel erreichen können, wenn wir diese Woche nutzen und uns nicht zu früh freuen. Wir werden auch den dritten Platz gegen die FDP verteidigen. Das sind die entscheidenden Ziele: Eigene Mehrheit mit grünem Zuwachs und den dritten Platz verteidigen. Dafür haben wir hart gearbeitet, sehr geschlossen und professionell, die ganze Partei. Die Zusammenarbeit hat hervorragend funktioniert.

STANDARD: Zum ersten Mal haben die Grünen mit Ihnen einen alleinigen Spitzenkandidaten nominiert, Sie führen einen stark personalisierten Wahlkampf. Wie schwer ist es für Sie, diese Verantwortung nun erstmals allein zu tragen?

Fischer: Es ist viel einfacher als der nicht erklärte Spitzenkandidat zu sein. Das war ich ja schon immer. Diesmal ist es anders und einfacher als 1998.

STANDARD: Welche zentralen Aufgaben haben Sie sich im Falle einer Regierungsbeteiligung vorgenommen?

Fischer: Die Aufgaben bleiben schwierig, sowohl in der Innen- wie auch in der Außenpolitik. Vor allen außenpolitisch werden wir in sehr unsicheren Zeiten sein. Deshalb stellt sich die Frage: Stoiber/ Westerwelle oder Schröder/ Fischer. Auch diese Frage spielt in der Schlussphase eine entscheidende Rolle.

STANDARD: Die großen Themen wie der Atomausstieg sind abgehakt.

Fischer: Nee. Der Atomausstieg ist ein wichtiger Punkt. Aber wir stehen erst am Anfang. Das ganz große Reformthema Klimaschutz ist industriell noch gar nicht wirklich angenommen worden. Gerade nach den Katastrophen, die wir in Österreich und Deutschland erlebt haben, muss das angepackt werden. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle gedacht, es trifft die ärmeren Länder, nicht uns. Diese Illusion ist im Sommer weggespült worden. Man muss begreifen, dass in dieser Herausforderung auch eine große Chance für Arbeitsplätze liegt. Das setzt voraus, dass man strategisch denkt, die Weitsicht hat, die Dickschädeligkeit und das Durchhaltevermögen, das auch Schritt für Schritt umzusetzen.

STANDARD: Die Nachbarländer schauen, ob es in Deutschland eine linke Regierung noch einmal schafft.

Fischer: Wir schauen erst einmal nach Schweden. Darüber freuen wir uns. Dann sind wir dran. Wir haben sehr, sehr gute Chancen zu gewinnen. Dann kommt Österreich. Und die haben auch sehr, sehr gute Chancen.

STANDARD: Wer hat sehr, sehr gute Chancen?

Fischer: Auch in Österreich haben die Linksparteien sehr, sehr gute Chancen, die sie nutzen.

STANDARD: SPÖ und Grüne?

Fischer: Ja.

STANDARD: Einer Ihrer Slogans ist: Damit Europa nicht nach rechts rückt. Kann die Krise der FPÖ zu einem Menetekel für den Niedergang der Rechtspopulisten in Europa werden?

Fischer: Bei allem, was ich über Österreich sage, muss ich extrem vorsichtig sein. Obwohl meine Familie 200 Jahre in Ungarn gelebt hat und der erste Dialekt, den ich gesprochen habe, ein niederösterreichischer Dialekt war, denn den hat die deutsche Minderheit in der Gegend um Budapest, wo meine Familie herkommt, gesprochen. Auch die erste Küche, die ich kennen gelernt habe, war die österreichische. Aber ich muss da Empfindlichkeiten in Rechnung stellen. Herr Haider ist ein innenpolitisches Problem, dessen Bewertung ich der innenpolitischen Diskussion in Österreich überlassen möchte. Welche Auswirkungen das hat, weiß ich nicht.

STANDARD: Immerhin haben 14 EU-Staaten Sanktionen wegen der Regierungsbeteiligung der FPÖ verhängt. Da war es kein innenpolitisches Thema. Fischer: Aus Erfahrung wird man klug, deshalb halte ich mich vor einem Mikrofon zurück.

STANDARD: Sollte es ein UN-Mandat geben: Kann Deutsch-land wirklich durchhalten, sich nicht an einer Aktion gegen den Irak zu beteiligen?

Fischer: Ja, dabei bleibt es. Wir werden uns militärisch nicht beteiligen.

STANDARD: Kann es dann Kompensationen in der Art geben, dass deutsche Soldaten mehr Aufgaben in Afghanistan oder am Balkan übernehmen?

Fischer: Wir sind überall sehr stark engagiert. Aber es ist keine Frage der Kompensation. Beim Kampf gegen den internationalen Terror stehen wir fest und eindeutig auf der Seite der USA und unserer anderen Partner. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

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    Der deutsche Außenminister Joschka Fischer bleibt dabei: Die Bundesrepublik werde sich nicht an einem Militäraktion gegen den Irak beteiligen, stehe aber "fest und eindeutig" auf Seiten der USA

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