Vagabunden mit Geschmackswohnsitz

19. September 2002, 20:29
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Die Wiener Musik Galerie feiert per Festival ihren 20. Geburtstag

Wien - "Als Veranstalter ohne eigene Örtlichkeit ist man mobil. Und hat die Freiheit, dann etwas zu machen, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben", resümiert Ingrid Karl den Vorteil ihres Vagabunden- daseins als organisatorische Leiterin der Wiener Musik Galerie - deren Festivals, Konzerte und Workshops in den vergangenen 20 Jahren deutliche Spuren in der österreichischen Musiklandschaft hinterlassen haben, ohne dass sie auf ihren Wanderungen durch Museen, Theater, Akademien und andere - vielfach konzert- unübliche - Häuser jemals sesshaft geworden wäre.

Als Konzept freilich umso mehr. "Wir wollten Musiker so sorgfältig präsentieren, wie es eine gute Galerie mit ihren Künstlern macht", so Karl. "Was mir auch immer wichtig war, ist das Barocke dieser Tätigkeit - was damit beginnt, jedes Mal eine Örtlichkeit auszusuchen. Für mich war das immer viel mehr als nur eine Musikdarbietung - es sollte wirklich ein Fest sein."

"Wien hatte enormen Nachholbedarf", formuliert Franz Koglmann, offiziell Programmberater, de facto aber Verantwortlicher für den Programm-Content der Wiener Musik Galerie-Veranstaltungen: "Wir haben etwa die internationale Spitzenklasse der frei improvisierten Musik vielfach erstmals in Wien gezeigt - etwa die Derek Bailey Company."

Koglmann stellt auch nicht in Abrede, dass der jeweilige inhaltliche Fokus der Festivals eng mit seiner eigenen Entwicklung als Trompeter und Komponist verknüpft war: weg von der als zunehmend klischeeträchtig empfundenen freien Musik über die Wiederentdeckung des "Third Stream" - der alten Idee der Fusion klassischer Formen mit dem Verve und der Spontaneität des Jazz - hin zur Reflexion der postmodernen Eigenbezüglichkeit improvisierter Musik ("MusicOnMusic", 2001). "Ein derartiges Programm spiegelt natürlich immer das eigene Interesse wider. Wobei wir - siehe Festival ,Icebreaker' - schon auch Dinge gemacht haben, die wenig mit mir zu tun hatten", so Koglmann, "man muss Profil zeigen, ohne ideologisch zu wirken."

Die Wurzeln der Institution reichen zurück ins Jahr 1978, als Koglmann und Karl gemeinsam das Musikprogramm der Galerie nächst St. Stephan zu kuratieren begannen. Nach drei Jahren wurden die Konzerte eingestellt, doch das enthusiastische Publikum verlangte in der damaligen "kulturellen Leere" Wiens (Karl) nach neuen Foren für avancierte Klänge: Was die daraufhin gegründete Wiener Musik Galerie seither bewegen konnte, formuliert Ingrid Karl 20 Jahre später so: "Wir haben junge Leute entdeckt oder ältere wiederentdeckt: André Hodeir oder den Stan-Kenton-Arrangeur Bob Graettinger - auch Hans Koller, für den wir 1993 ein Festival veranstaltet haben." Und Koglmann ergänzt: "Durch Workshops mit Leuten wie John Zorn, Bill Dixon oder Gil Evans haben wir indirekt sicherlich viele heute bekannte Musiker der Wiener Szene ermutigt - und den Boden bereitet für die Gründung des Porgy & Bess."

Das Donnerstag beginnende dreitägige Festival mit dem etwas vagen Titel Tonfolgen - Soundportraits im neuen Project Space der Kunsthalle am Karlsplatz versteht sich in diesem Sinne nicht nur als Rückblick, obwohl mit Icebreaker, Bill Dixon und Franz Kogl- manns Monoblue Quartet alte Bekannte auf dem Programm stehen. Das Engagement des Laurie-Anderson-Elektronikers Skuli Sverrisson versteht sich als erster, tastender Schritt über das strikt akustische Terrain hinaus, das in den letzten Jahren die Veranstaltungen doch schon etwas angegraut wirken ließ.

"Wir wollen uns nicht nach den Moden richten. Elektronik machen heute ohnehin alle", so Koglmann, der mit dem "Flaps"-Quintett schon 1973 Computerklänge in improvisierte Musik integrierte, "das interessanteste elektronische Stück ist für mich noch immer Stockhausens Gesang der Jünglinge von 1956." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

Von Andreas Felber

Service

Kunsthalle am Karlsplatz;
Info: Tel. 544 89 29
19.-21. 9.; jeweils 20.00

Link

www.wmg.at

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    grafik: wmg.at
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