Kunst-Export im Truppenlaster

17. September 2002, 20:00
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Aus Anlass eines Wien-Gastspiels unter freiem Himmel: Porträt der bunt gemischten Tanzformation "Pilottanzt"

Die bunt gemischte Tanzformation "Pilottanzt" trägt die Frohbotschaft von der Vermengung der Künste auch in abgelegenere Gegenden - und bis an die Grenzen der EU. Ein Porträt von Ursula Kneiss aus Anlass eines Wien-Gastspiels unter freiem Himmel im Museumsquartier.


Wien - Die österreichische Formation "Pilottanzt" eröffnet heute mit Moving Gallery-02 die zweite Spielzeit des "Tanzquartier Wien" (TQW). Gespielt, getanzt, musiziert und projiziert wird unter freiem Himmel im Haupthof des Museumsquartiers - bis kommenden Samstag, jeweils bei Einbruch der Dunkelheit (20.30 Uhr).

Eine Extrabühne samt Licht- und Tontechnik musste seitens der Veranstalter (TQW) dafür nicht bereitgestellt werden. Denn "Pilottanzt" ist autark. Zumindest was dieses in den letzen zwei Jahren entwickelte und nun gediegen ausgereifte, erstmals in Wien (koproduziert von der Szene Salzburg, den Internationalen Tanzwochen Dresden und vom Schloss Broellin/ D) zu sehende Projekt betrifft.

Die vom Choreografen- und Tänzerduo Roderich Madl und Doris Ebner 1993 gegründete Formation, die ja schon in den späteren 90er-Jahren nicht nur hierzulande, sondern auch international für Aufsehen sorgte, umfasst heute um die zwölf Künstler diverser Sparten: darunter Videoproduzenten (Beatrix Bakondy und Markus Wintersberger), Elektronikmusiker oder DJs (ILIEL/sr/live machine, Ted Milton, Thomas Gauber), den Lichtdesigner Kay Hupka und die Tanzenden Doris Ebner, Laura Moro, Andrea Mischke und Roderich Madl. Einem Wanderzirkus vergleichbar, reist man temporär im hightechmäßig ausgestatteten, von den Künstlern selbst chauffierten Lkw-Konvoi durch die Lande und macht da und dort Station. Zuletzt im deutschen Schloss Broellin (Mecklenburg-Vorpommern) an der deutsch-polnischen Grenze.

Ein Riesenerfolg. Das Publikum, Jung wie Alt, kam von beiden Seiten des EU-Limes. Damit ist wohl die ursprüngliche konzeptionelle Idee, nämlich die Bevölkerung abgelegener Regionen mit dem persönlichen und eigentlich sehr umfassenden Kunstverständnis vertraut zu machen, aufgegangen: "Wir wollen Kunst, wie wir sie verstehen, unter das Volk bringen. Wir spielen ja vor Leuten, die sonst erst in irgendeine weit entfernte Stadt fahren müssten. Und ,Gaga-Shows' präsentieren wir sicherlich nicht", so Roderich Madl im STANDARD-Gespräch.

Sondern? "Tanz, Stück-Miniaturen, Soli oder Duos, die ganz unterschiedlich sind, abstrakt und mit dem video-visuellen Ambiente korrelierend oder auch sehr persönlich sein können, auf Gemüts-wie Gefühlszustand basieren. Die ,Moving Gallery' ist ein Konglomerat aus verschiedenen Sparten und Systemen, ausgeführt von motivierten Menschen, die am gleichen Strang ziehen."

Kernstück des vazierenden Konvois ist ein günstig erworbener Steyr M 680 Diesel, ein ausrangierter Militärlaster, umgebaut zum Wohnmobil, gekoppelt mit dem Untersatz eines ehemaligen Postanhängers, der dank genialer Eigenkonstruktion zu einer Bühnengröße von 50 Quadratmetern expandieren kann.

Wie es dazu kam, erklärt Madl so: "Wir wollten von Spielstätten und Sommerfestivals unabhängig sein. Mit unserer Ausrüstung, wir verfügen sogar über einen 40-KW-Generator, können wir überall spielen und danach mit unseren DJs Partys veranstalten. Sofern wir die Erlaubnis vom jeweiligen Bürgermeister erhalten!"

Diese werden wohl nur zwischendurch gefragt. Denn für das Jahr 2003 ist Pilottanzt ziemlich ausgebucht, macht Halt in Nord- und Ostdeutschland, tritt in Polen auf und tourt über die Station Luxemburg durch Frankreich und Spanien. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

  • Artikelbild
    foto: pilottanzt
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