Mythologischer Exkurs im Rindfleisch-Prozess

19. September 2002, 12:40
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Staatsanwalt vermutet Millionenbetrug - Unternehmer drohen bis zu zehn Jahre Haft

Krems - Zweiköpfige Kälber und vierschwänzige Rinder: Interessante Details über die Verhältnisse in einem Waldviertler Schlachthof, dessen Besitzer wegen schweren gewerbsmäßigen Betruges vor Gericht steht, kamen am Mittwoch bei der Verhandlung zutage. Der angeklagte Unternehmer sieht sich unschuldig, ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Fleisch aus Osteuropa

Konkret geht es bei der Verhandlung in Krems um 667 Tonnen Rindfleisch, die der Schlachthofbesitzer in Osteuropa eingekauft und falsch etikettiert haben soll. Für Staatsanwalt Friedrich Kutschera liegt der Fall klar: Der beschuldigte Willibald R. habe das ausländische Fleisch mit österreichischem vermischt, aber als reines heimisches Produkt vermarktet. Um 2,1 Millionen Euro sollen seine Kunden, darunter ein großer Wurstfabrikant, dadurch geschädigt worden sein.

Nach den Worten des Staatsanwaltes ist die Buchhaltung sehr "ungenau" geführt worden, auch die Wiegeprotokolle seien oft falsch gewesen. "Mir sind zwar aus der Mythologie der dreiköpfige Zerberus und die neunköpfige Hydra bekannt, aber keine Kälber mit zwei Köpfen oder Rinder mit vier Schwänzen", so Kutschera.

Billigfleisch

Ganz anders sehen die Sache naturgemäß der 55-jährige Angeklagte und sein Rechtsvertreter. Das Fleisch aus Tschechien, Ungarn und Polen habe dieselbe Qualität wie heimisches gehabt. Die Kunden hätten daher nicht zu viel bezahlt, argumentierte Verteidiger Johannes Kirschner. Zusätzlich sei R. für den Einkauf und nicht für die Etikettierung zuständig gewesen.

Kirschner sieht seinen Mandanten offensichtlich außerdem als indirektes Opfer des ersten österreichischen BSE-Falls, der just in dem Martinsberger Schlachthof diagnostiziert worden ist. Dadurch sei ein enormes Medieninteresse ausgelöst worden, und eine Flut von Amtshandlungen habe eingesetzt, merkte der Jurist an.

"Tschechische Stempel wurden nie entfernt"

Willibald R. selbst weist alle Schuld von sich. Seit 1995 habe er Fleisch aus Tschechien importiert, das sei einfach "ein Geschäft" gewesen. Details zur Wiegekontrolle konnte der 55-Jährige nicht nennen. Es habe aber "sicher" Hinweise auf den Produzenten gegeben. "Tschechische Stempel wurden nie entfernt", war sich der Angeklagte sicher.

Für die Kunden sei daher eindeutig erkennbar gewesen, wenn es sich um tschechisches Fleisch gehandelt habe. Ab November 2000 hätten lediglich zwei bis drei Kunden explizit heimische Ware verlangt. Da das Gericht noch einige dieser Abnehmer als Zeugen hören will, werden zusätzlich Verhandlungstage nötig, ein Urteil ist im November zu erwarten. (APA, moe/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2002)

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