Rettungsaktion für France Telecom überragt in Paris MobilCom-Debakel

17. September 2002, 14:30
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Sanierungsplan weiterhin offen - Für möglichen Gerichtsstreit in Causa "MobilCom" Rückstellungen von 900 Millione Euro gebildet

Welcher neue Chef kann mit welcher Strategie den Telefonriesen France Telecom aus dem Schuldensumpf ziehen? Das ist die heikle Frage, die in Paris täglich neu gestellt wird - und nicht so sehr die nach Verbindlichkeiten oder Schadensersatz für den Schlussstrich unter das MobilCom-Abenteuer. "Wir sind juristisch in einer sehr soliden Position", hatte Vorstand Jean-Franois Pontal am Wochenende zu möglichen Klagen aus Deutschland erklärt. Und in die Kriegskasse für denkbare Streitereien vor Gericht hat Finanzchef Jean-Louis Vinciguerra 900 Millionen Euro zurückgestellt.

Überlassen

Die Anmerkung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit Paris sei über MobilCom nun nochmals gesprochen worden, rief in Paris kaum Reaktion hervor. Verhandlungen seien Staatssache, deutete die Telekom-Seite an, während politische Kreise alles lieber den beiden verkrachten Unternehmen diesseits und jenseits des Rheins überlassen möchten.

Wahlen

Schröder sei voll im Wahlkampf, erläuterte die Pariser Zeitung "Liberation" ihren Lesern und zitierte ungenannte Quellen: "Nach den Wahlen wird alles vergessen sein." Mit MobilCom-Rückstellungen und Wertberichtigungen über 7,3 Milliarden Euro in der Halbjahresbilanz scheinen Staat und France Telecom die Sache für erledigt zu halten. "Der Bruch war nicht zu umgehen", machte Industrieministerin Nicole Fontaine klar, das sei jedoch eine Unternehmensentscheidung gewesen.

Lange Schatten

Die bedrohlich schwarzen Wolken über dem halbstaatlichen Telekomkonzern werfen Schatten weit über MobilCom hinaus. Mit Schulden von fast 70 Milliarden Euro schlägt das Unternehmen sämtliche Negativ-Rekorde in der gebeutelten Telekommunikations-Branche. Im kommenden Jahr werden Kredite über knapp 15 Milliarden Euro fällig. Die Regierung sagte dem noch nicht gefundenen Nachfolger des zurückgetretenen Chefs Michel Bon "alle Unterstützung für einen Sanierungsplan" zu - und das in Zeiten, in denen privatisiert werden soll, um Geld in die Kassen zu bekommen und sich nicht zu weit vom Stabilitätspakt zu entfernen.

Belastung

"Den Staat als Aktionär zu haben, stellt für France Telecom eine schwere Belastung dar", erklärte Arbeitgeberpräsident Ernest-Antoine Seillire am Dienstag. "Und das Modell halbstaatlicher Unternehmen macht die Führung solcher Firmen noch schwieriger." France Telecom müsse wie das Kamel durch das Nadelöhr, meinte das Wirtschaftsblatt "La Tribune". Auf einem schmaleren Grat könnte der künftige Chef bei der Rettungsaktion für den angeschlagenen Riesen wohl nicht wandern.

Kapital

In Bercy, dem Sitz des Wirtschafts- und Finanzministeriums, wird den Staatsbeamten ständig heiß und kalt, wenn sie die Alternativen alle durchspielen: Soll eine Kapitalerhöhung helfen? Oder lieber doch ein garantiertes Darlehen - weniger schmerzhaft für die Kleinaktionäre von France Telecom, aber auch weniger wirksam. Oder von allem etwas?

Verkauf

France Telecom könnte Aktien der Mobilfunktochter Orange verkaufen. Andere empfehlen in der Not, die Sparten aufzuteilen, nach dem Vorbild der British Telecom. Ex-Chef Bon will allerdings von der Regierung garantiert bekommen haben, dass die Gruppe nicht zerschlagen wird. Im Hintergrund ist in der Tat noch MobilCom, ein Problem, das nicht aus dem Weg gehen will. Es könnte den französischen Staat vielleicht doch noch ein Vermögen kosten, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, wie Börsenhändler es ausdrückten. Aber zunächst einmal werden für France Telecom eine Strategie und eine neue Führungspersönlichkeit gesucht. (APA)

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