Eschede-Prozess: Polizei ließ ICE-Züge aus dem Verkehr ziehen

17. September 2002, 14:28
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Mittlerweile 5.900 gummigefederte Räder gegen Vollräder ausgetauscht

Celle - Die Entscheidung, nach der ICE-Katastrophe von Eschede mit 101 Toten alle baugleichen Schnellzüge aus dem Verkehr zu ziehen, ist das Ergebnis von Druck der örtlichen Polizeibeamten. Das berichtete der damalige Einsatzleiter der Polizei am Dienstag in Celle beim Strafprozess um das größte Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bei einer Besprechung fünf Tage nach dem Unfall im Juni 1998 habe er auf dem Notizblock eines Gutachters das Wort "Gefahr" entdeckt und eine Erklärung gefordert, sagte der mittlerweile pensionierte Beamte. Der Radreifenbruch sei als Ursache bereits weitgehend klar gewesen.

"Ich fragte: Besteht die Gefahr, dass weitere Radreifen brechen?" Der Gutachter habe daraufhin gesagt, dies sei unter ähnlichen Bedingungen möglich. Daraufhin hatte der Beamte nach eigenen Worten beim Eisenbahnbundesamt, beim niedersächsischen Innenministerium und beim Bundesinnenministerium auf Zwangspausen und Kontrollen an den übrigen 59 baugleichen Zügen mit Radreifen gedrängt. Das Bundesverkehrsministerium habe dann auf die Warnung reagiert.

Zunächst nur Geschwindigkeit reduziert

Die Züge mussten daraufhin zunächst mit verminderter Geschwindigkeit fahren, bevor sie schließlich aus dem Betrieb genommen wurden. Rund 5.900 gummigefederte Räder wurden nach Angaben des Beamten in der Folgezeit gegen Vollräder ausgewechselt.

Der 62-Jährige verteidigte die Arbeit der Ermittler am Unglücksort: "Wir haben im Rahmen der Möglichkeiten versucht, Beweise sicherzustellen." Jedoch wären die Rettungsarbeiten und die Bergung der Leichen zwangsläufig klar im Vordergrund gestanden. Mit Hilfe von Kränen, Raupen und Bergungspanzern seien unter seiner Leitung insgesamt rund 3.000 Menschen an der Rettung und Sicherung beteiligt gewesen. Allein der Streckenabschnitt, auf dem Verletzte und Tote zu bergen waren, sei eineinhalb Kilometer lang gewesen.

Panne bei der Spurensicherung

Unterdessen bestätigte ein Einsatzleiter des Bundesgrenzschutzes (BGS) eine Panne bei der Spurensicherung. Mehrere Radsätze vom hinteren Teil des Unglückszuges seien zwei Tage nach dem Unglück zunächst auf dem Schrott gelandet. Die Ermittler hätten sie zur Verschrottung frei gegeben, weil sich die Recherchen auf vordere Waggons konzentrierten. Kurz darauf wurden die möglichen Beweise zurückgebracht. In der vergangenen Woche hatte eine Staatsanwältin erstmals im Prozess von der Panne berichtet. Nach Aussage des BGS-Beamten war die Freigabe mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen. Der Radreifen war im ersten Wagen des Zuges gebrochen.

Seit drei Wochen müssen sich zwei Mitarbeiter der Bahn und ein Ingenieur der Herstellerfirma des Unglücksrades in Celle verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, das Radsystem bei der Einführung im Jahr 1992 nicht ausreichend auf seine Belastbarkeit geprüft zu haben. Der Prozess wird kommenden Dienstag fortgesetzt. (APA)

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