Eingetragene Marke "Fernando"

23. September 2002, 17:02
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Frechheit gehört belohnt. Manchmal. Drum hätte ich Fernando auch beinahe ein bisschen Geld überwiesen ...

... Und das, obwohl sein Brief eigentlich eine Frechheit ist, ich Fernando nicht kenne und Schnorrgesuche auf der Straße ("hast du Zeit für den Umweltschutz?"), per Mail oder in der Post hasse. Außer die Frechheit erreicht ein Level, bei dem ich mich genötigt sehe, den Hut zu ziehen.

Fernando hat mir geschrieben. Also eigentlich nicht mir, sondern dem STANDARD. Und nach der unerklärlichen Logik eines Postverteilzentrums, landen solche Briefe oft auf meinem Tisch. Um genau zu sein: Fernando hat nicht bloß dem STANDARD, sondern auch den wirklich Wichtigen geschrieben. Der "Kronen Zeitung". Und dem "Falter". Auch allen Parteizentralen: Eine Seite Handschriftliches - und zwei amtliche Begleitblätter. Plus Erlagschein.

Auf dem handschriftlichen Zettel prangt ein Briefkopf: Ein 70er-Jahre Scheitel-Vollbart- Brillenpassbild, daneben der Schriftzug "Fernando" und ein R im Ringerl: Fernando ist also eine eingetragene Marke (nein, so was checke ich lieber nicht nach). Eine Handynummer, ein Postfach und ein Name (Ferdinand P.). Die Handynummer existiert in der echten Welt nicht.

"Ich bin vorbestraft"

Fernando schreibt: "Ja, ich bin vorbestraft! Ja ich bin schon mehrmals gesessen!" Nun - schreibt Fernando in einer reduzierten, dichten Handschrift, stehe er mit ein paar hundert Euro da und sei "trotzdem kein Schmarotzer". Er wolle sich wieder hocharbeiten und sich nicht "eine Ecke zum Betteln aussuchen".

Klingt gut - allerdings kommt dann Fernandos "erstklassige" Geschäftsidee: "Ja, ich bin bereit, durch xxx (unlesbar, Anm.) Aktionen (z.B. Wiener-Linien) die Aggressionen der Menschen zu schüren, um ein militantes Vorgehen gegen diese 'Bettlerbrut' zu unternehmen." Beilage: Ein Erlagschein. (Daran, dass die Kontonummer - Gegensatz zur Handynummer stimmt - habe ich keinen Zweifel.)

Soviel Frechheit, soviel Unverfrorenheit und ein dermaßen geschmacklos-primitiver Erpressungsversuch hat irgendwie was. Wenn es ein echter Schnorrbrief ist. Und wenn es ein Scherzschreiben ist, gehört dieses dreimal-ums-Eck-fies-sein auch belohnt.

Blöderweisen hat Ferdinand P., alias die Marke Fernando, auch seine Entlassungsbestätigung beigelegt: Demnach wurde Häftling 23587 am 14. 8. 2002 um 8 Uhr vor die Tür der Justizvollzugsanstalt Simmering gestellt. Mit 717,85 Euro in der Tasche. Auf dem Zettel sind die Delikte des Herrn P. angeführt: Paragraph 146, 147 und 148 des Strafgesetzbuches (StGB). Ich bin kein Jurist. Die Überweisung - zwei Kollegen hätten mitgezahlt - war fast TAN-fertig. Doch dann stand S. neben mir. In der Hand das StGB. Er blätterte: "Betrug, schwerer Betrug, gewerbsmäßiger Betrug", referierte er. Wir haben nicht überwiesen. Vielleicht sind wir ja nur unseren Vorurteilen aufgesessen.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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