Exkommunizierte Frauen wollen Verfassungsgericht anrufen

17. September 2002, 20:11
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Die "Priesterinnen" werfen Kardinal Ratzinger Verstoß gegen Kirchenrecht vor

Rom/München/Linz - Jene sieben Frauen, die sich im Juni des heurigen Jahres zu "Priesterinnen" der katholischen Kirche weihen ließen und die daraufhin exkommuniziert wurden, fahren jetzt "massive rechtliche Geschütze" gegen die Spitzen der Kirche auf. Einerseits werfen sie dem Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, einen Verstoß gegen das Kirchenrecht vor. Andererseits bereiten sie - vorerst in Deutschland und möglicherweise auch in Österreich - Beschwerden bei den "weltlichen" Verfassungsgerichten gegen die katholische Kirche vor.

Exkommunikation durch Ratzinger

Die Frauen hatten sich am 29. Juni des heurigen Jahres auf einem Donauschiff bei Passau von einem südamerikanischen "Bischof" - der allerdings aus der Kirche ausgeschlossen worden war - zu "Priesterinnen" weihen lassen. Die Kirche hatte von Anfang an diese "Weihen" für ungültig erklärt. In der Folge verfügte Kardinal Ratzinger per 5. August die Exkommunikation der sieben Frauen, weil die so genannte "Weihe" ein "schwerer Verstoß" gegen die "göttliche Verfassung der Kirche" gewesen sei und die Frauen keine Bereitschaft zur "Umkehr" gezeigt hätten. Gegen diese Entscheidung legten die Frauen offiziell beim Vatikan Einspruch ein.

Bis dato keine Antwort von Ratzinger

Laut Kirchenrecht hätte Ratzinger auf diesen Einspruch innerhalb von 30 Tagen antworten müssen, dies sei aber nicht geschehen. "Wir haben bis heute keine Antwort von Herrn Kardinal Ratzinger erhalten", so eine der Sprecherinnen der "Priesterinnen", Gisela Forster aus München. Damit verstoße Ratzinger gegen das Kirchenrecht, das ausdrücklich die "Anhörung der durch ein Strafdekret Betroffenen" vorsehe.

Zugleich stelle sich Ratzinger damit aber auch gegen "einschlägige Gesetze eines jeden Rechtsstaates, wonach für den Strafvollzug verpflichtend vorgeschrieben ist, dass Angeklagte 'gehört' werden und vor Vollzug einer Strafe die Möglichkeit bekommen, ihre Lage darzustellen und einen grundsätzlichen Schutz mit der Möglichkeit zur Verteidigung erhalten", so Forster.

Offizielle Beschwerde

Die "Priesterinnen" werden daher jetzt offiziell Beschwerde gegen Kardinal Ratzinger beim Vatikan wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kirchenrecht einbringen. Das werde im Rahmen der vorgesehenen Fristen innerhalb der kommenden 15 Tage geschehen.

Sollte diese Beschwerde wirkungslos bleiben, so bereiten die "Priesterinnen" bereits jetzt den nächsten Schritt vor: Sie wollen vorerst in Deutschland das Verfassungsgericht anrufen, da die Kirche - indem die exkommunizierten Frauen nicht angehört werden - gegen das Grundgesetz verstoße. In der weiteren Folge stelle sich die Frage, ob der Kirche unter diesen Umständen noch der "bevorzugte Statuts einer Anstalt öffentlichen Rechts" zuerkannt werden könne. Ebenso werde man durch Juristen prüfen lassen, ob das Vorgehen von Ratzinger und der katholischen Kirche auch in Österreich gegen die Verfassung verstoße, kündigen die "Priesterinnen" an. (APA)

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    Die Priesterinnen beharren weiter auf ihrem Recht.
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