Armut als Ursache für Krankheit

21. September 2002, 18:57
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Uexküll: Eine Weltordnung, in der täglich zehntausende Kinder an verhinderbaren Krankheiten sterben, ist kriminell

Salzburg - "Eine Weltordnung, in der täglich zehntausende Kinder an verhinderbaren Krankheiten sterben, ist für uns kriminell." Jakob von Uexküll, Gründer des alternativen Nobelpreises, sparte am Montagabend bei einem Streitgespräch zum Thema "Krankheiten: Ursache Armut - Wer trägt die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung?" mit Vertretern des World Economic Forum in Salzburg nicht mit Kritik an der Wirtschaftslobby.

"Wer ist verantwortlich für die Gesundheitsversorgung in den Entwicklungsländern", fragte Uexküll. Krankheiten wie Malaria würden sich ausbreiten, weil das Gesundheitssystem in den ärmsten Ländern abgebaut werde, um die Zinsen an die Reichen zu zahlen, argumentierte Uexküll, der als Vertreter des globalisierungskritischen Netzwerks Attac am Podium saß.

Todesraten

Es sei unerträglich, dass sechs Jahrzehnte nach der Entwicklung von Antibiotika immer noch Menschen an eigentlich heilbaren Krankheiten sterben, sagte Sabine Kampmüller von der Organisation "Ärzte ohne Grenzen". "Jede Minute sterben zwei Kinder an Malaria." Die Todesrate von HIV-Positiven sei in der westlichen Welt um 30 Prozent gesunken. Die Menschen in den Entwicklungsländern hätten aber keinen Zugang zu diesen neu entwickelten Medikamenten, kritisierte Kampmüller. Die Behandlung wäre zu teuer, die neuen Medikamente auf Grund des Musterschutzes nicht als billigere Generika verfügbar.

Medikamente

Die pharmazeutische Forschung konzentriere sich zu 90 Prozent auf Medikamente für die industrialisierte Welt: Potenzpillen, Substanzen gegen Übergewicht oder Haarausfall, kritisierte die Vertreterin von "Ärzte ohne Grenzen". "Gesundheit ist keine Ware, die unter die üblichen Handelsabkommen fällt", sagte Kampmüller. Sie forderte faire Regeln, die den Zugang zu Medikamenten ermöglichen.

Eine Kritik, die Michel Ogrizek, Mediziner und Kommunikationsdirektor des WEF, zurückwies: Der Großteil der Medikamente wäre auch in der Dritten Welt verfügbar, man müsse sie nur verwenden. Es gehe nicht um neue Medikamente, sondern darum, jene Substanzen, die mittlerweile auch als Generika erhältlich sind, zu verwenden. Die Probleme könnten nur gemeinsam gelöst werden, meinte Ogrizek.

Multinationale Konzerne würden in den Ländern der Dritten Welt höhere Löhne zahlen und höhere Umweltstandards einhalten, wehrte sich auch Edward Bickham, Vorstandsmitglied bei AngloAmerican plc. gegen die Vorwürfe der Globalisierungskritiker. Sein Unternehmen operiere in Entwicklungsländern und habe deshalb großes Interesse an der Gesundheit der Menschen dort. Man unterstütze die öffentliche Gesundheitsversorgung mit eigenen Programmen. Es sei unfair, der Wirtschaft den "schwarzen Peter" zuzuschieben. Sie könne auch viel Gutes tun. Eine Besserung der Situation werde nur möglich sein, wenn der öffentliche und private Sektor gemeinsam nach Lösungen suchen.

Auch Uexküll bekannte sich zu einem Dialog: "Wir brauchen einen Dialog." Dieser dürfe sich aber nicht über Jahre hinziehen. "Wir brauchen auch Ergebnisse", sagte Uexküll. (APA)

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