Literarisches Klo-Set

17. September 2002, 10:35
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Verlag liefert Lesestoff zum Runterspülen - "Begrabt mein Gedicht an der Biegung des Abflusses"

Saarbrücken - Mike Bartels literarisches Werk "Begrabt mein Gedicht an der Biegung des Abflusses" ist durchaus wörtlich zu verstehen. Dem Hobbyschriftsteller mit einer Vorliebe für Satire und Skurriles fehlte unter den jährlich etwa 90.000 Neuerscheinungen im Buchhandel die nötige Aufmerksamkeit der Kundschaft. "Meine Bücher mussten eine auffälligere Form bekommen", war sich der Pforzheimer sicher. Was lag da für den passionierten Kloleser näher, als seine literarische Erzeugnisse auf Toilettenpapier zu drucken. Nach der Frankfurter Buchmesse im Oktober gilt: abrollen statt umblättern.

Beim Stöbern im Internet stieß Bartel auf die Wishi Hygienepapier GmbH in Saarbrücken. Gründer Georges Hemmerstoffer war sogleich völlig aus dem Häuschen und gründete Anfang des Jahres den Klo-Verlag. Schließlich hat der Mann Erfahrungen mit der Materie: Seit fast drei Jahren bedruckt er "feinsten Zellstoff, dreilagig und sauerstoffgebleicht" für Werbekunden. Der erste Auftrag kam von der Pharmafirma Boehringer Ingelheim, die ihre Abführperlen auf diese überaus passende Weise anpries.

Weil Hemmerstoffer sich nicht mit kleinen Geschäften zufrieden gibt, hat er gleich ein ganzes Verlagsprogramm konzipiert. Komische Kurzgeschichten, Lyrik und Krimis und bald auch Horoskope will der Verlag anbieten. Da Bartel die vielen Rollen aber nicht alleine füllen konnte und wollte, fand er neun weitere Mitautoren. Auch altbekanntes von Heinrich Heine und Christian Morgenstern soll künftig ungefragt den Ausguss runtergespült werden. "Als Krönung drucken wir auch einen Roman auf Klopapier", verrät der Autor. Fortsetzung auf der nächsten Rolle.

Dem Leser schwant nun Böses: Auf der neuen Rolle fehlt der Anfang - der Besuch hat sie weggespült. Der Detektiv ist dem Mörder dicht auf der Spur. Doch die Entlarvung bleibt dem Mitbewohner vorbehalten, der drängelnd vor der Klotür steht? Verleger Hemmerstoffer beruhigt: "Die Texte wiederholen sich auf der Rolle. So verpasst keiner was."

Gleich nach der Buchmesse Mitte Oktober will der Klo-Verlag in den Handel gehen. In den Buchhandel wohlgemerkt, zu Preisen von 7,95 Euro für zwei und 9,95 Euro für drei nett verpackte Rollen zum Ablesen. Am Erfolg ihrer Idee lassen Autor und Verleger keinen Zweifel aufkommen: "Wir sind überwältigt von den vielen Anfragen und Bestellungen. Die Buchhandlungen werden schon jetzt gestürmt von Klopapier-Käufern", freut sich Hemmerstoffer. "Die meisten wollen die Rollen als Geschenk", weiß Schriftsteller Bartel. "Das ist sicher nichts für alle Tage." Die Einkaufsabteilung der Buchhandlung Hugendubel zeigt sich weniger euphorisch: "Die Idee ist witzig, aber wir glauben nicht dran."

Verleger und Autor glauben daran. Gerade Lesemuffeln könne Literatur an diesem ungewöhnlichen Ort näher gebracht werden. Vielleicht sogar dem Verleger selbst: "Ich habe in meinem Leben nie mehr als ein Viertel Buch geschafft, auch nicht auf dem Klo", bekennt der Saarbrücker. "Andre telefonieren gerne auf dem Örtchen, ich hänge lieber meinen Gedanken nach." Dagegen schwärmt der Poet von diesem als dem einzigen Ort, an dem man ungestört lesen könne. Ob ihm die genialen Einfälle auch auf dem Klo kommen? "Schön wär's." Die Muse küsse ihn eher unter der Dusche oder kurz vor dem Einschlafen, gibt Bartel zu. Aber wenn er seine Texte am Computer zum lesen ausdruckt, nimmt er sie mit auf's Klo. (APA) (Schluss) ley

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