Hoffnung für Hungernde oder Erpressung

16. September 2002, 20:51
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Streitgespräch zwischen einer Gegnerin und einem Befürworter von Gennahrungsmitteln

STANDARD: Der Präsident Sambias verweigert trotz der Hungersnot in seinem Land US-Lebensmittelhilfe, weil sie zum Teil aus Genmais besteht. Haben Sie dafür Verständnis?

Gertrude Klaffenböck: Absolut; wenn man bedenkt, wie die großen US-Saatgutproduzenten versuchen, durch politische Interventionen Staaten unter Druck zu setzen. Diese Länder benötigen humanitäre Hilfe und sollten nicht erpresst werden, Nahrungsmittel anzunehmen, die sich anderswo nicht absetzen lassen.

Ruckenbauer: Ich bin erstaunt, dass man hier aus fundamentalistischen Gründen Nahrungsmittel ablehnt, bloß weil sie gentechnisch erzeugt wurden. Wenn wir acht Milliarden Menschen werden wollen, wenn man die Armut um die Hälfte verringern will, so wird man auch auf dem Gebiet der Nahrungsmittel etwas tun müssen. Vor allem, weil wir zunehmend Monokulturen produzieren, die ja geradezu die Evolution der Schädlinge provozieren.

Klaffenböck: Es geht darum, dass in einer Notsituation Menschen dazu gezwungen werden, was gesundheitlich wirklich bedenklich ist. In Afrika sind bei Aidspatienten bakterielle Krankheiten sehr verbreitet, und gerade der Genmais birgt ein hohes Risiko von Antibiotika-Resistenz. Die Verwundbarsten in der Gesellschaft werden noch verwundbarer gemacht. Und es gibt keine Beweise, dass Genmais sicher ist.

STANDARD: Gibt es Beweise, dass er nicht sicher ist?

Ruckenbauer: Die gibt es nicht.

Klaffenböck: Doch, die gibt es. Wenn DNA-Fragmente im menschlichen Darm überleben, treten dadurch auch Antibiotika-Resistenzen auf. Und wenn dieser Genmais nicht gemahlen, sondern wieder angebaut wird, entstehen dadurch ökologische Folgeprobleme. Ein wirklich haarsträubendes Beispiel ist die Genbaumwolle in Indien, wo durch eine kurze Trockenzeit die Ernten völlig vernichtet wurden. Bei konventionellem Baumwollsaatgut betrug der Ausfall nur 20 Prozent.

Ruckenbauer: Mein Problem ist, dass Ihre Organisationen ununterbrochen mit Halbwahrheiten agieren. Da hieß es, dass in Mexiko Konta- minationen durch Genmais aufgetreten sind. Die Nachprüfungen haben ergeben, dass das alles nicht wahr war. Alles aufgebauscht, nur um die Bevölkerung zu verunsichern. Da kann ich als Wissenschafter natürlich nicht mitziehen.

STANDARD: Aber warum muss der Mensch überhaupt in die pflanzlichen Gene eingreifen?

Ruckenbauer: Weil wir pro Hektar mehr ernten wollen als früher. Wenn wir acht Millarden Menschen ernähren wollen, brauchen wir alle Möglichkeiten, mehr Nahrungsmittel zu produzieren, sie sicherer zu machen und besser lagern zu können. Für all das kann die Gentechnik etwas anbieten.

Klaffenböck: Es stimmt einfach nicht, dass in der Biotechnologie die einzige Hoffnung der Zukunft liegt. Es gibt viel versprechende Ansätze des ökologischen Landbaus, doch dort wird sehr wenig investiert, weil das von der Industrie nicht so leicht unter Kontrolle zu bringen ist.

Ruckenbauer: Ich gebe Ihnen Recht, dass ökologische Landbausysteme unterbelichtet werden. Aber wenn Sie damit massive Beiträge zur Welternährung leisten wollen, dann sind Sie auf dem Holzweg. Sie können unmöglich Flächenerträge in dicht besiedelten Gebieten mit Methoden des ökologischen Landbaus produzieren. Der ökologische Landbau wird in Zukunft resistente Pflanzen brauchen, weil er ja Pflanzenschutzmittel völlig ablehnt. Da werden Sie auch die Gentechnik irgendwann einmal brauchen.

STANDARD: Sind die Europäer in ihrem Widerstand gegen die Gentechnik Vorreiter oder Nachzügler?

Ruckenbauer: Ich halte nichts von dieser europäischen Art, die Amerikaner zu belehren. Solange Sie nicht eindeutig nachweisen können, dass Gentechnik die Gesundheit schädigt, wird sie sich in der amerikanischen und in der südamerikanischen Landwirtschaft voll durchsetzen.

Klaffenböck: Wer muss jetzt eigentlich die Sicherheit nachweisen? Es wird kaum Risikoforschung betrieben, was anscheinend schon als Beweis der Risikofreiheit gilt. Ich sehe Europa als Vorreiter. In den USA wäre die Biotechnologie ohne staatliche Subventionen nicht konkurrenzfähig, weil sie ökonomisch kaum Vorteile bringt.

Ruckenbauer: Wir haben 260 Millionen Amerikaner, darunter eine Menge hochintelligenter Leute mit einem sehr strengen System der Lebensmittelüberwachung. Und wir Europäer meckern ständig, dass sie das falsch machen. Diese Präpotenz steht uns nicht zu. Wir haben in unserem Land überhaupt kein Geld für die Sicherheitsforschung ausgegeben. Ich kann heute in jeden Sojasack reingreifen und finde etwas Transgenes drinnen. Aber wir glauben, wir können die genfreie Insel der Seligen spielen.

STANDARD: Gibt es bei der Gentechnik überhaupt Raum für Kompromisse?

Ruckenbauer: Ich könnte mir vorstellen, dass man Gentechnik in der Pflanzenzüchtung nur dort einsetzt, wo genau geprüft wurde, dass es sich um extreme Selbstbefruchter handelt, die ihr verändertes Genom nicht verbreiten können. Akzeptieren sollte man auch Pflanzen, die zwar ihre transgenen Eigenschaften verbreiten, aber wie etwa Rapsöl kein Pikogramm Protein enthalten.

Klaffenböck: Man muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitbedenken, vor allem die Patente aufs Leben. Die sind eine echte Gefahr für den freien Fluss des Wissens. Dieses "Ohne Gentechnik keine Zukunft in der Landwirtschaft" ist für mich eine Einbahnvision, bei der ich mir denke: "So schnell wie möglich was anderes suchen." Insofern wäre ich weniger kompromissbereit als Sie. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 9. 2002)
Gertrude Klaffenböck, Genfood-Expertin bei der Entwicklungsorganisation Südwind, und Peter Ruckenbauer, Leiter des Forschungsinstitutes für Agrarbiotechnologie (IFA) in Tulln, debattierten unter der Leitung von Eric Frey über den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.

IFA

Südwind
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