Antiamerikanismus als politisches Kalkül

16. September 2002, 19:56
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Zu Josef Haslingers Brief an George W. Bush - Eine Erwiderung von Gerhard Amendt

Wenn der Schriftsteller Josef Haslinger in seinem offenen Schreiben an den US-Präsidenten (STANDARD, 11. 9.) meint , dass George Bush durch seine Irakpolitik den Antiamerikanismus abermals anfache, nachdem dieser sich erfreulicherweise nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme 1989 in Nebel aufgelöst habe, dann verkennt er das Wesen des Vorurteils.

Vorurteile wie Antiamerikanismus, Antisemitismus oder Fremdenhass beziehen ihre Energie eben nicht aus der gegenwärtigen Realität, sondern aus dunklen Strömungen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Die Gegenwart bietet den Vorurteilsbeladenen allenfalls einen willkommenen Anlass, unterschwellige Haltungen wieder offen ans Tageslicht treten zu lassen.

Manche Parteien versuchen das für den Wahlkampf zu nutzen. Wobei gilt, dass derjenige, der der betreffenden Klientel durch "Zündeln" entgegenkommt, diese nur kurzfristig zum Schweigen bringt. Deren Vorurteile mildert er nicht, noch löst er sie auf. Manche Parteien - wie die FPÖ - wollen das wohl auch gar nicht.

Aus eigenen Erfahrungen mit der deutschen Linken weiß ich, dass sich deren massiver Antiamerikanismus keineswegs in Nebel aufgelöst hat. Der bedrückendste Gegenbeweis zu Josef Haslingers optimistischer Sicht ist das wahltaktische Agieren von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der "Irak-Frage".

So sehr die Irakpolitik von Präsident George Bush im Bündnis gegen den Terror im Hinblick auf Legitimität und Effektivität diskutiert werden muss, so offenkundig ist die Schrödersche Taktik davon geprägt, den Antiamerikanismus der Linken buchstäblich von der Leine zu lassen.

Er tut das, indem er den Linken, von der SPD über die Grünen bis zur PDS, Bush als Projektionsfläche für dunkle, vielschichtige Strömungen aus der deutschen Vergangenheit anbietet.

Um davon nur ein Beispiel aufzunehmen, erinnere ich an die vielen Alt-68-er Linken - zu denen auch ich mich zähle -, die gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen gingen. Unsere Begeisterung für das autoritär-kommunistische Vietnam, Ho Tschi Minh und die unsägliche "Kulturrevolution" in China unterschied sich nämlich prinzipiell in nichts von jener Begeisterung für den Totalitarismus, die wir unseren Eltern im Hinblick auf deren Haltung zum NS-Regime vorhielten.

Und: Trotz antiautoritärer Regelverstöße und gleichzeitiger demokratischer Reformfreudigkeit haben wir uns doch mit der Haltung unserer nationalsozialistisch geprägten Eltern "gegen die Amerikaner" identifiziert. Weit über meine Kindheit hinaus galten die "Amis" primär als Besatzungsmacht - und nicht als Befreier von Terror, Unterdrückung und Vernichtungspolitik.

Dass die "schwarzen Soldaten" uns Kindern die ersten Pfirsiche gebracht haben, war so ziemlich das einzig Erfreuliche, was von unseren Eltern über die USA berichtet wurde. Das führte einerseits zu einer einer Identifizierung mit der in den USA diskriminierten schwarzen Minderheit, stürzte uns aber zugleich in völlige Verwirrung, da "Schwarze" in der Erzählung Eltern zu den "unwerten Rassen" gehörten ...

Hier türmt sich also noch immer viel unbearbeitetes geschichtliches Gestein auf. Von "fortgeräumt" oder "erledigt", wie Haslinger meint, kann keine Rede sein.

Schröder vermengt diese dunklen Strömungen nun durchaus zielstrebig mit einer politischen Auseinandersetzung über die US-amerikanische Strategie gegen das Hussein-Regime, propagiert einen "deutschen Sonderweg" und nimmt solcherart sogar in Kauf, politisch isoliert zu werden.

Und indem der SP-Kanzlerkandidat gegenüber den USA - das Land mit den größten Freiheiten und zugleich das Land der schrecklichsten Gegensätze - Hass, Neid und Bewunderung polarisierend mobilisiert, macht er genau das nach, was Möllemann in der absichtlichen Vermengung von Israelkritik und Antisemitismus vorgemacht hat. Politische Kritik wird, weil sie auf Gegenrede stößt, im einen wie im anderen Fall mit Vorurteilen kurzgeschlossen.

Nicht der Konflikt soll diskutiert werden, sondern über die politische Instrumentalisierung des jeweiligen Vorurteils, soll dem Antisemiten/ Antiamerikaner ein "siehst du, ich hab's schon immer gesagt: die sind wie sie eben sind ..." als Bestätigung angeboten werden - in der Hoffnung, dafür in der Wahlzelle entsprechend belohnt zu werden.

Das aber ist der sicherte Weg zur Irrationalisierung von Politik. Wohin er führt, haben die Nationalsozialisten vorgeführt ... (DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

Gerhard Amendt lehrt Soziologie an der Universität Bremen
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