Vom Apparatschik zum Staatsmann: Schwedens Göran Persson.

16. September 2002, 19:26
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"König Göran" erstrahlt in neuem Glanz

Göran Persson hat nichts gegen Huldigungen. Das war deutlich zu sehen, als der alte und vermutlich neue Regierungschef nach dem überraschend hohen Wahlsieg der schwedischen Sozialdemokraten den Jubel der Parteifreunde entgegennahm. Dennoch scheint der 52-Jährige heute meilenweit entfernt von jener Zeit, da man ihn als Gemeinderat im heimischen Katrineholm mit dem Spitznamen "König Göran" versah.

Neben der Anerkennung für die Tatkraft des Machers Persson klang dabei auch Spott für den aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Provinzpolitiker mit, der noch nach der Übernahme des Ministerpräsidentenamtes im Jahr 1996 die Ansicht äußerte, auch in der großen weiten Welt gehe es letztlich nicht anders zu als im kleinen Katrineholm.

Mittlerweile gilt Perssons Wandlung vom kleinkarierten, arroganten "Apparatschik" zum beliebten und anerkannten Staatsmann als eine der größten Überraschungen in der schwedischen Politik der letzten Jahre. Anerkennung zollt man im In- und Ausland mittlerweile nicht nur dem harten Sozialsparkurs, mit dem Persson seit 1994 als Finanzminister und später als Ministerpräsident das hoch verschuldete frühere Wohlfahrtsparadies aus der Krise führte - inzwischen hat Schweden die Staatsfinanzen, Arbeitslosigkeit und Inflation im Griff.

Auch mit gezielten Auftritten in diversen Talkshows buhlte der in zweiter Ehe verheiratete Vater zweier Töchter in jüngster Zeit erfolgreich um die Gunst seiner schwedischen Landsleute.

Den wohl größten Schub aber erhielt Perssons Popularität mit den Herausforderungen der internationalen Politik: Während des schwedischen EU-Ratsvorsitzes 2001 und mit der konsequenten Unterstützung der weltweiten Antiterrorkoalition nach den Anschlägen vom 11. September profilierte er sich als Staatsmann mit Gewicht.

Nicht zuletzt mit der Öffnung Schwedens für eine Zusammenarbeit mit der Nato und dem Abrücken von der strikten Neutralitätsdoktrin gelang es dem Ministerpräsidenten, das Land aus dem Schatten des politischen Übervaters Olof Palme herauszurücken und die langsame Annäherung des einstigen "Ausnahmefalls" Schweden an die europäische Normalität einzuleiten.

Inzwischen gilt Persson als Hoffnungsträger einer in jüngster Zeit wenig von Erfolgen verwöhnten europäischen Sozialdemokratie. Den Wahlsieg in Schweden sieht der neue alte Ministerpräsident nun nicht zuletzt als einen Ansporn für die europäischen und dabei ganz besonders für die vor der Wahl stehenden deutschen Parteikollegen: "Wir haben den Trend umgekehrt. In der kommenden Woche können uns unsere deutschen Freunde folgen." (Anne Rentzsch/DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

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