Trauma, ein Leben lang

16. September 2002, 19:25
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Flüchtlinge leiden viel länger an den Ursachen für ihre Flucht als bisher bekannt - auch zehn Jahre danach noch anfällige Psyche

Liverpool - Flüchtlinge leiden viel länger an den Ursachen für ihre Flucht als bisher bekannt. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Psychiatern in Liverpool, Australien, an Menschen, die aus dem Vietnam der Kommunisten flohen. Erstmals zeigen Derrick Silove und Kollegen, dass Vietnamesen im sicheren Exil auch noch nach über zehn Jahren traumabedingt besonders anfällig sind für psychische Erkrankungen (Lancet online).

Bisher untersuchte man die Traumafolgen an Flüchtlingen in der ersten Zeit nach der Ankunft im neuen Land. Psychiatrische Konsequenzen traumatischer Ereignisse waren klar erkennbar. Spätfolgen blieben im Dunkeln. Bekannt war auch, dass die Zeit auch Traumawunden heilt, dass psychische Leiden mit den Monaten und Jahren weniger oft diagnostiziert werden. In dieser aktuellen Studie etwa litten rund 14 Jahre nach der traumatischen Erfahrung nur mehr acht Prozent an psychischen Störungen, ein niedriger Wert im Vergleich mit Werten für die Gesamtbevölkerung.

Aber die Zeit heilt nicht alle Wunden, zeigen nun fast gleich lautend zweierlei Fragebogen-Methoden, eine westliche und eine kulturangepasste: Jene Vietnamesen, die drei oder mehr traumatische Erfahrungen durchgemacht hatten, zeigten ein vier-mal höheres Risiko für Angstzustände, Depressionen oder Missbrauch psychoaktiver Substanzen. "Diese Gruppe", sagt Psychiater Silove, "hatte selbst noch nach zehn Jahren ein erhöhtes Risiko."

Nun könnten, gerade in Zeiten rassistischer Bewegungen in vielen Industrieländern, auch Faktoren nach der Flucht für psychische Leiden sorgen. "Doch selbst als wir die berücksichtigten", berichtet Silove, "war die Erfahrung eines Traumas die stärkste und einzige durchgängige Variable für spätere psychische Störung."

Die Forscher "bestätigen den Bedarf nach spezialisierten Diensten für die psychische Gesundheit" traumatisierter Flüchtlinge. In Österreich bieten dies notorisch unterdotierte NGOs an. (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 9. 2002)

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