Klimawandel gefährdet die Bergwälder

16. September 2002, 19:14
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Experten erwarten mehr Katastrophen

Innsbruck - "Der Wald kann vieles, aber nicht alles", meint Tirols Landesforstdirektor Hubert Kammerlander mit Blick auf die Flutkatastrophe des heurigen Sommers. "Ein guter Wald fängt zwanzig Prozent der Niederschläge in den Kronen auf und gibt das Wasser direkt wieder an die Luft ab", nur ein Drittel des Wassers würde im funktionierenden Ökosystem Wald direkt abfließen, erläutert Kammerlander und verweist darauf, dass zur Überflutung der Salzburger Altstadt ein um bloß 15 Zentimeter höherer Wasserstand der Salzach genügt hätte.

Kongress in Tirol

Bis zum Mittwoch diskutieren in Innsbruck 150 Experten aus 21 Ländern über den ökologischen und ökonomischen Nutzen von Bergwäldern, die vielfach auch die Funktion von Schutzwäldern haben.

In Österreich sind nach Auskunft von Ingwald Gschwandtl vom Landwirtschaftsministerium 280.000 Hektar Schutzwald sanierungsbedürftig, dafür wären innerhalb der nächsten zehn Jahre 985 Millionen Euro nötig. Zum Vergleich: in den veragngenen zehn Jahren wurden um 300 Millionen Euro 170.000 Hektar saniert. Der Handlungsbedarf für die öffentliche Hand wird deshalb größer, weil immer mehr Wälder unrentabel sind und von ihren Eigentümern nicht mehr bewirtschaftet werden.

Wissenstransfer

Da die Schutzfunktion der Wälder nicht zuletzt durch den Klimawandel beeinträchtigt wird, rechnen die Experten in den kommenden Jahrzehnten in Ländern, für die vergleichbare Aufwendungen undenkbar sind, mit einer wachsenden Zahl an Katastrophenereignissen. Österreichs Hilfe für diese Länder bestehe nicht vorrangig in finanziellen Mitteln, sondern im Wissenstransfer, erklärt Herbert Hager vom Institut für Waldökologie an der Universität für Bodenkultur. Dazu zähle der Kongress ebenso, wie ein im Vorjahr eingerichteter Lehrgang für Studierende aus Ländern wie Äthiopien, Nepal und Bhutan.

Da die Bergwälder auf Änderungen im ökologischen Gleichgewicht mit Zeitverzögerung reagieren, verlangt Hager eine Verstärkung und Internationalisierung von systemischen Forschungsprojekten. Dabei müsse es unter anderem darum gehen, einer Gefährdungen der Quellschutzfunktion der Wälder rechtzeitig entgegenwirken zu können.

Beim Bundesamt und Forschungszentrum für Wald setzt man auf den Ausbau mehrdimensionaler Simulationsmodelle und Warnsysteme vor Naturgefahren. Am Beispiel der Lawinenkatastrophe von Galtür im Feber 1999 hätten die Modelle eine hohe Übereinstimmung mit den Auswirkungen der Lawine und den Gefahrenzonenplänen ergeben, meint Horst Schaffhauser. Diese Aussage hält Schaffhauser auch angesichts der 31 Todesopfer aufrecht: Ohne der Verbauung des Adamsberges wäre es höchstwahrscheinlich zur "größten Lawinenkatastrophe aller Zeiten" gekommen: "Galtür würde es nicht mehr geben." (hs/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 9. 2002)

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