Mars macht mobil für freies Jazzspiel

18. September 2002, 19:35
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Porgy & Bess: Max Nagl spielte Holst

Wien - "Wir spielen heute sehr viele Noten." Es war Max Nagl in seinen charakteristisch knappen Conférencen durchaus anzumerken, dass die Musik, mit der er das Wiener Porgy & Bess offiziell aus dem Sommerschlaf weckte, nicht wirklich die seine war.

Gustav Holsts während des Ersten Weltkriegs komponierte Suite The Planets, im Original für spätromantisches Orchester gesetzt, für eine fünfköpfige Jazzcombo zu bearbeiten, das wirkte a priori so, als würde man eine zehnspurige Autobahn spontan in einen Fahrradweg umwidmen.

Die Programmmacher des Hamburger Musikfests spielten vergangenes Jahr diese seit Uri Caines Mahler-, Wagner-, Schumann- und Bach-Adaptionen attraktive Crossoverkarte aus - Nagl nahm den Auftrag an. Anstatt das Material als freie Inspirationsvorlage zu betrachten, begnügte sich der Saxofonist freilich im Wesentlichen damit, die markantesten Linien aus dem symphonischen Stimmengeflecht buchstabengetreu herauszupräparieren.

Vor allem dank des Perkussionisten Patrice Heral, des vitalen Unruheherds, gelang es, der so arrangierten Musik in den rhythmisch akzentuierteren Sätzen wie "Jupiter", "Uranus" und dem von Marschrhythmen durchpulsten "Mars" so etwas wie Eigenleben einzuhauchen.

Ein wie auch immer gearteter Mehrwert gegenüber dem Original ergab sich indessen auch durch die sporadisch eingeschalteten Soli kaum. Am überzeugendsten interpretiert Nagl zweifellos noch immer sich selbst. "Mabuse" und "Nosferatu", zwei Stücke aus dem von Klassikern des Stummfilms angeregten Café Electric-Programm von 1999, demonstrierten in ihren virtuos collagierten Hakenschlägen zwischen brüllendem Rock, lateinamerikanischer Sinnlichkeit und kammermusikalischer Noblesse einmal mehr, zu welch genialen Ideen sich Nagls Fantasie beflügeln lässt, wenn man ihr eine lange Leine lässt.

Das Porgy & Bess, dessen Eingangsbereich noch im Herbst in eine Kassa- und Lounge-Zone umgestaltet wird, eröffnet die Debatten-Saison über die ewige Frage, was Jazz ist, sein kann oder sein sollte, mit einem kontroversiellen Beitrag. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

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    Max Nagl

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