Expressives Breitwandgemälde

16. September 2002, 21:09
posten

Philip Glass beim Linzer Brucknerfest

Linz - Wann liest man heute noch subtile literarische Gespinste in indirekter Rede? Gar nicht. Es sei denn von einem, der vom Nahen Osten aus auf die Suche nach "seinem" Europa gehen musste und dort neben Goethe und Camus vor allem Arroganz und Waffengeschäfte fand.

Solcherart rasch zum politischen Realo geworden, blieb die Sprache von Edward Said dennoch Fluchtpunkt eines poetischen Traums. Seine Rede zur Brucknerfest-Eröffnung am Sonntagvormittag war nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich angesiedelt zwischen Orient und Okzident - ein fein geschliffenes Kunstwerk als Antipode zu dem, was sie beschrieb.

Am Abend desselben Tages verschlug es einen anderen Reisenden aus der entgegengesetzten Richtung in das so genannte Herz Europas - und das nicht zum ersten Mal. Kürzlich erst weilte Philip Glass in Gmunden, wo ihm eine Personale gewidmet war; jetzt füllte seine Musik den Donaupark mit der klassischen Klangwolke, am 6. Oktober eröffnet das Linzer Landestheater mit The Voyage.

Es ist sein Freund Dennis Russell Davies, der den Klassiker der "graduellen Vermessung des musikalischen Materials" (das hört Philip Glass lieber als "Minimal Music") mit den Orten seines Wirkens eng verknüpft. Und damit dem hiesigen Konzertpublikum zweifellos neue Welten erschließt.

Das jüngste Ergebnis dieser Kompositionsmethode, die Symphonie Nr. 6, entstand als Auftragswerk des Brucknerhauses und der New Yorker Carnegie Hall, wo sie im Februar 2002 uraufgeführt wurde. Hier wie dort dirigierte Dennis Russell Davies, und es besteht kein Zweifel daran, dass er wie kein anderer die Musik zum Glühen bringen kann. Es bedarf trotz Glass' außerordentlichen Gefühls für Klangmischungen einer starken, ordnenden Hand, wenn die im Grunde kammermusikalischen Strukturen des Werks auf dicke Orchesterwogen übertragen werden.

Gebrodel, Gebimmel

Aus den Bässen dräut ein Breitwandszenario herauf, dessen repetitiv organisierten Teile bisweilen suggestive Kraft entfalten. Warum nur, fragt sich allerdings der konzentrierte Zuhörer, braucht es beispielsweise am Beginn des dritten Teiles derart liebliches Glöckchengebimmel über dem Gebrodel der ersten Geigen? Das Brucknerorchester folgte seinem neuen Chef übrigens in brillanter Weise. Über eine Videowall und ein exzellentes Tonequipment konnten daran auch die wegen des kalten Wetters diesmal nur wenigen Tausend im Freien teilhaben.

Im Zentrum aber steht eine Sopranstimme, die die Plutonian Ode von Allen Ginsberg zu singen hat, einen verschrobenen Text über nukleare Gefahren und göttliche Erlösung. Lauren Flanigan entledigte sich der schwierigen Aufgabe beeindruckend, mit vollem expressiven Einsatz. Schon nach dem Concerto for Saxophone Quartet (mit dem Raschèr Saxophone Quartet) war das Publikum hörbar angetan von Glass' Kompositionsweise - nach der Plutonian Ode waren Standingovations und lauter Jubel angesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

Von Reinhard Kannonier
Share if you care.