Ein Duett der rauen Stimmen

16. September 2002, 17:36
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Kanzler Schröder und Vizekanzler Fischer begeisterten das Publikum, als sie ihre schönsten Wahlkampfschlager unisono zum Besten gaben

Der eine dröhnt wie ein rostiges Reibeisen, der andere ist noch verstimmter. "Wie wenn sie schon zusammen jesoffen und jefeiert haben", meint ein Berliner Zuhörer knapp. Derart gleichgestimmt wie an diesem Sonntagabend vor dem Brandenburger Tor hat man Kanzler Gerhard Schröder und Vizekanzler Joschka Fischer selten gehört. Zum ersten Mal treten die Spitzenkandidaten zweier Parteien im Wahlkampf in Deutschland gemeinsam auf.

Die Idee dazu hatte der Musiker der Kölner Rockgruppe BAP, Wolfgang Niedecken. Unterstützung für eine Partei wollte er damit nicht machen. "Ich habe immer gesagt, ich trete nur für Rot-Grün gemeinsam auf."

Fast schüchtern

Fast schüchtern stehen dann Schröder und Fischer neben den Musikern auf der Bühne, vor sich eine Menge von rund 15.000 vorwiegend jungen Menschen, die ihnen Schilder wie "Go on Schröder & Fischer" und "Dranbleiben, Gerd!" entgegenrecken. Während einige Jungsozialisten ihre Juso-Fahne schwenken, winken enthusiasmierte Cheerleaders heftig mit grünen Wedeln.

Die ersten kreischen bereits, als Schröder zum Pult schreitet und gleich ans Eingemachte geht: "Wer Rot-Grün will, muss diese Woche noch arbeiten." Dann bedient er sich nach einem Blick auf seinen Vizekanzler gleich beim ureigenen Themenspektrum des grünen Koalitionspartners. Als er erläutert, wie wichtig die rot-grüne Klimapolitik, die auf erneuerbare Energie setze, angesichts der Hochwasserkatastrophe sei und dass die Politik "des Ausgleichs von Ökologie und Ökonomie" fortgesetzt werden muss", kann sich Fischer ein breites Schmunzeln nicht verkneifen. Schließlich hatte der grüne Koalitionspartner erheblich Probleme, diese Forderungen gegen massive Widerstände in der SPD - den Bundeskanzler inklusive - durchzusetzen.

Kritik an den USA

Dann gibt Schröder seinen bewährten Wahlkampfschlager - Kritik an den USA - zum Besten, in bemüht auf das junge Publikum zugeschnittener Sprache. "Was da zu uns herübergeschwappt ist unter dem Stichwort New Economy, ist out." Den meisten Applaus bekommt er jedoch, als er "die Jugend von heute" lobt: "Viele haben sich angewöhnt, über die Jungen zu schimpfen, weil ihnen die Frisur nicht passt. Wer gesehen hat, wie die bei der Flut angepackt haben: Da wäre es einmal hoch an der Zeit, ein herzliches Wort des Dankes zu sagen."

Als Schröder dann auch noch meint, er wage es "unter den strengen Augen meines Außenministers etwas zu internationalen Themen zu sagen", hat er die Lacher wieder einmal auf seiner Seite. Bevor er seine bekannte Absage an einen Irak-Krieg wiederholt, legt er noch dem Publikum die Osterweiterung als "tolles Zukunftsprojekt" ans Herz.

Bevor Schröder vom Rednerpult weicht, legt er noch einen Treueschwur ab: "Mit diesem Außenminister und keinem anderen" wolle er regieren. Da fährt die deutsche Bundesbahn drüber.

Fischer verzichtet artig

Joschka Fischer revanchiert sich artig: "Ich möchte nicht Kanzler werden, aber vier weitere Jahre unter Gerhard Schröder Außenminister bleiben." Dann arbeitet er fast den gleichen Themenkatalog wie Schröder ab, hebt bei der Umweltpolitik nur den Atomausstieg besonders hervor.

Auffällig ist jedoch, dass er zwei Themen anspricht, die Schröder offenbar wohlweislich ausgelassen hat: Kritik an der FDP - die der SPD wieder Avancen als Koalitionspartner macht - und die Zuwanderung, die CDU/CSU in der letzten Woche vor dem Urnengang zum zentralen Wahlkampfthema machen will. "Sie sind auf der Verliererstraße. Immer dann meinen sie, die Stammtische mobilisieren zu müssen", meint Fischer unter donnerndem Applaus der Zuhörer.

Als sich der Außenminister mit den Worten, "Gerhard Schröder und ich stehen ganz persönlich zur Wahl", verabschiedet, erhält er sogar noch mehr Applaus als der Kanzler. Noch einmal winken die beiden in die begeistert johlende Menge, die Arme entschlossen nach oben in den Himmel gestreckt, wo sich allerdings dunkle Wolken zusammengebraut haben: Fischer mit geballten Fäusten und wie immer verkniffen lächelnd, Schröder mit den Daumen nach oben und strahlend.

Dann ein rascher Abgang, Platz für die Musiker. Die Band "Sofaplanet" intoniert: "Nichts und niemand hält uns jetzt noch auf." Die Menge zerstreut sich zufrieden. (DERSTANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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    Kanzler und Vizekanzler bei einem ihrer gemeinsamen Wahlkampfauftritte in Berlin. Die Botschaft lautet: Rot-Grün

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