Erstmals wieder Dialog zwischen Dalai Lama und Tibet seit 20 Jahren

16. September 2002, 20:58
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Entgegenkommen der Chinesen könnte zur Beschwichtigung vor amerikanisch- chinesischem Gipfeltreffen dienen

Lhasa - Erstmals seit zwei Jahrzehnten hat die tibetische Regierung wieder einen Dialog mit dem Dalai Lama aufgenommen. Der tibetische Regierungschef Logqog empfing in Lhasa hohe Abgesandte des im Exil lebenden geistlichen und weltlichen Oberhauptes der Tibeter. Er habe den Sonderbotschaftern bei dem mehr als einstündigen Treffen am Sonntag die "großen Veränderungen in Tibet vorgestellt", berichtete Logqog am Montag vor Journalisten in der tibetischen Hauptstadt.

Obwohl es keine erkennbaren Ergebnisse gab, maßen Diplomaten dem ungewöhnlich hohen Empfang der Gesandten Lodi Gyaltsen Gyari und Kelsang Gyaltsen, die sonst die Beziehungen zu den USA und Europa pflegen, große Bedeutung bei. Es bedeutet auch die Wiederaufnahme des seit 1993 unterbrochenen indirekten Dialogs über die chinesische Botschaft in Indien mit dem Dalai Lama, der 1959 nach einem Aufstand gegen die chinesische Fremdherrschaft aus Tibet geflüchtet war.

Wie der Dialog fortgesetzt werde, sagte Logqoc nicht. In einem Appell öffnete er aber die Tür für Besuche weiterer Exil-Tibeter, solange sie wie "Patrioten" an der Einheit der chinesischen Nation festhielten. Das Entgegenkommen soll offenbar Kritiker der chinesischen Tibet-Politik vor dem Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin am 25. Oktober bei US-Präsident George W. Bush in Texas besänftigen.

Tibets Regierungschef meinte, in den Gesprächen sei die Rolle des Dalai Lamas nicht angeschnitten worden. Kompromisslos legte Logqog aber Chinas Forderungen vor, wonach sich der Dalai Lama voll der Pekinger Tibet-Politik unterwerfen soll. "Der Ball ist im Feld des Dalai Lama." Logqog machte klar, dass er den Beteuerungen des Friedensnobelpreisträgers von 1989 keinen Glauben schenke, nicht die Unabhängigkeit zu wollen. Der Vorschlag für Autonomie in Tibet sei nur eine "Verkleidung für Unabhängigkeit".

Der Dalai Lama müsse Tibet und Taiwan als untrennbare Teile der Volksrepublik und die kommunistische Regierung als die alleinige Regierung anerkennen. "Dann kann alles diskutiert werden." Diskussionen könne es aber nur direkt mit dem Dalai Lama geben, nicht mit seiner "illegalen" Exil-Regierung im indischen Dharamsala. Die Reise der Delegation, die am Montag in andere Teile Tibets aufbrach, folgt auf den Besuch des älteren Bruders des Dalai Lama, Gyalo Thondup, der vor einem Monat auch erstmals Tibet besuchen durfte. Zuletzt hatte eine Delegation des Dalai Lamas 1982 Tibet besucht.

Viele Tibeter, die den Dalai Lama bis heute unverändert wie einen Gott verehren, lehnen weiter die Fremdherrschaft der Chinesen ab, die Tibet nach der Invasion der Volksbefreiungsarmee 1950 der Volksrepublik einverleibt hatten.(APA/dpa)

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