Auf Pump beim Lieferanten

16. September 2002, 00:59
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Die schleppende Konjunktur bringt auch einen Strukturwandel bei der Firmenfinanzierung mit sich.

Wien - Der Trend der vergangenen Wochen und Monate hat gezeigt: Immer mehr Unternehmen borgen sich mindestens zwei Monate lang Geld bei ihren Lieferanten, statt sich bei der Bank einen Kredit zu kaufen. Dabei zahlen sie ihre offenen Rechnungen immer später, um so das benötigte Kapital zur Verfügung zu haben.

Angaben der deutschen Bundesbank zufolge war diese Finanzierungsform mit durch- schnittlich 300 Milliarden Euro offener Lieferantenrechnungen schon genauso hoch wie die durchschnittlich laufenden kurzfristigen Bankkredite. Heuer dürfte schon mehr Geld beim Lieferanten "geborgt" werden, attestiert eine Studie der Prisma-Kreditversicherung, die mehrheitlich im Besitz der Kontrollbank steht.

In Österreich beobachtet Prisma diesen Trend ebenfalls, wobei die offenen Lieferantenrechnungen heimischer Firmen mit geschätzten 38 Mrd. Euro nur mehr vier Prozent unter den laufenden Bankkrediten liegen.

Umfrage

Dass die Tendenz weiter steigt, zeigt eine aktuelle Prisma-Umfrage: Bereits ein Drittel der innerhalb der EU tätigen heimischen Unternehmen bestätigt ein Zahlungsziel von 60 Tagen und mehr, in Osteuropa tätige Firmen zahlen zu 40 Prozent ihre Forderungen frühestens nach zwei Monaten. Die Inlandspartner lassen mindestens 20 Prozent mehr als zwei Monate auf ihr Geld warten.

"Bedenklich"

Für Gert Schloßmacher, neuer Vorstand in der Prisma, die rund 44 Prozent des heimischen Kreditversicherungsmarktes abdeckt, ist diese "bedenkliche" Entwicklung einerseits konjunkturell bedingt, andererseits bereits ein Vorbote von Basel II, wonach Banken bei Kreditvergabe ab 2007 mehr Eigenkapital hinterlegen und damit verstärkt auf die Bonität der Kreditkunden schauen müssen: "Der Kampf um Konditionen verlagert sich hin zum Lieferanten, Zahlungsziele sind ein wichtiger Verhandlungsgegenstand geworden."

Dies sei auch in der Gestaltung der Versicherungsverträge zu bemerken, sagt Schloßmacher: Lieferanten rechneten mit längeren Zahlungszielen und kaufen sich daher höheren und längeren Versicherungsschutz für ihr Liefervolumen. Das will Karl Sevelda, für das Firmenkundengeschäft in der Raiffeisen Zentralbank zuständiger Vorstand, nicht ganz bestätigen: "Man kann nicht alles auf Basel II schieben". Sevelda gesteht allerdings ein, dass auch kurzfristige Bankkredite für einige Branchen mit großer Schadengeschichte - etwa die Bauwirtschaft - in den vergangenen Monaten teurer geworden sind.

Zudem zeigten EU-weite Studien, dass Unternehmen immer in Krisenzeiten den Finanzierungsweg Lieferant dem der Bank vorziehen. Das sei eine Frage der Konditionen. Zinsen müssen dem Lieferanten ja nicht bezahlt werden.

Bringen die anhaltend schwache Konjunktur, das Gerangel um Aufträge, die immer später bezahlt werden, und der neue Pleitenrekord beim größten Handelspartner in Deutschland also fette Jahre für die Kreditversicherung? Schloßmacher verneint das: "Die meisten Unternehmen rechnen, ob sie sich eine solche Versicherung überhaupt leisten können."

Allerdings bringe dieses Umfeld Prämienerhöhungen mit sich. Zwar "nicht quer Beet", einige Branchen mit hoher Schadenquote (Bau und TMT) müssten sich aber auf teurere Polizzen einstellen. Schloßmacher begründet dies unter anderem mit der viel teurer gewordenen Rückversicherung der Assekuranzen. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 16.9.2002)

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