Nachdenken über Susi

15. September 2002, 21:51
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Ab jetzt wird niemand mehr sagen können, die FPÖ sei "eigentlich" eine ganz normale Partei, befindet Barbara Coudenhove-Kalergi in ihrer Kolumne

Susanne Riess-Passer wurde von der Öffentlichkeit nie wirklich ernst genommen. Sie war in den Augen der meisten Medien Haiders Marionette, eine glorifizierte Sekretärin mit Mundwerk, eine tüchtige Person, die alles tat, was ihr Chef wollte und sich von ihm auch alles gefallen ließ. Auch nach ihrem Abgang hat sich ihr Image nicht wirklich geändert. Vielleicht wird ihr das nicht ganz gerecht.

In Wahrheit hat ja nicht nur Jörg Haider die Vizekanzlerin und Parteiobfrau gestürzt, diese hat in mindestens dem gleichen Maß auch ihrerseits Haider ins politische Abseits befördert. Mit ihrem Nein zu seinen Bedingungen hat sie sein Kalkül durchkreuzt. Offensichtlich hatte das einfache Parteimitglied nicht nur mit Schüssels Kanzlerehrgeiz, sondern noch mehr mit der absoluten Nibelungentreue der braven Susi gerechnet. Sie würde, so war's wohl geplant, sich von Haider den Knittelfelder Weg diktieren und diesen von Stadler kontrollieren lassen, mit dem Resultat, dass Haider wieder die Regierung vor sich hertreiben könnte. Riess-Passer in der Auslage, Haider am Schalthebel, salonfähige Regierungspartei nach außen, Partei der Ewiggestrigen nach innen.

Das wäre die schlechteste Lösung gewesen. Das von Haider mit so viel sichtlichem Groll akzeptierte "Ultimatum" der Parteiobfrau hat endlich klare Verhältnisse geschaffen und auch dem letzten Naivling unter den FPÖ-Wählern die Augen geöffnet. Jetzt ist Haider dort, wo er hingehört: im Bierzelt mit den Gauggs und Stadlers. Und die FPÖ liegt in den Umfragen nur noch knapp vor den Grünen. 17 Prozent - das ist ungefähr das Potenzial, das eine rechtsextreme Partei ohne scheinliberale Verzierungen in Österreich haben dürfte. Susanne Riess-Passer wollte nicht länger Feigenblatt sein.

Man könnte natürlich fragen, wie es ein Mensch mit einigem Geschmack so lange im Dunstkreis der blauen (oder eher braunen) Bataillone aushalten und alle Unsäglichkeiten mitmachen und verteidigen konnte. Das hat man auch Heide Schmidt gefragt und seinerzeit auch die vielen Kommunisten, die ihrer Partei Jahrzehnte die Treue gehalten haben. Spätestens bei den stalinistischen Prozessen, spätestens bei der Niederwerfung des Ungarnaufstands hätten ihnen doch die Augen aufgehen müssen, hieß es. Aber manche brauchten eben bis zum Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968. Offensichtlich trennt man sich nicht so leicht von einer "Gesinnungsgemeinschaft", der man sich in jungen Jahren verschrieben hat, und auch nicht von einem Führer, in den wohl damals die ganze Buberlpartie samt Mäderl ein wenig verliebt war.

Susanne Riess-Passer hat keine öffentliche Generalbeichte abgelegt und keine Verdammungen ihrer innerparteilichen Gegner ausgesprochen, nach dem Muster: "Ich wählte die Freiheit." Was sie wirklich denkt, weiß niemand. Viel-leicht nur: gut, dann eben nicht. Die tüchtige Sekretärin hat gekündigt. Vielleicht kehrt sie nach verlorener Wahl in die Politik zurück, vielleicht verabschiedet sie sich in die Businesswelt. Aber eine Portion Respekt und eine Fußnote in der Geschichte der Zweiten Republik hat sich Frau Sprudelsprech (© Armin Thurnherr) verdient. Immerhin machte sie dem scheinbar unbesiegbaren Drachentöter klar: bis hierher und nicht weiter - und ihn damit auf sein wahres Format reduzierte.

Ab jetzt wird niemand mehr sagen können, die FPÖ sei "eigentlich" eine ganz normale Partei, in der es nur hin und wieder ein paar verzeihliche Ausrutscher gab. Danke, Susi! (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

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