Jörg Haiders Rache

15. September 2002, 21:26
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Der Kärntner attackiert Riess-Passer & Co - und will Wolfgang Schüssel zerstören

Justizminister Dieter Böhmdorfer ist nicht nur einer der besten Freunde von Jörg Haider. Als dessen Anwalt hat er ihn mehr als ein Jahrzehnt lang auch durch alle möglichen Strafprozesse mit höchst unappetitlichen Inhalten (Verleumdung, Verharmlosung des Nationalsozialismus etc.) begleitet und verteidigt.

Er ist mit dem politischen und wohl auch höchst privaten Innenleben seines früheren Klienten bestens vertraut. Wenn Böhmdorfer - stets ein ruhiger und besonnener Beobachter - daher jetzt sagt, dass der Rückzug des Kärntner Landeshauptmannes von seiner Kandidatur als FP-Chef nach seiner jüngsten Erklärung "endgültig" sei, so hat das einiges an Gewicht.

Angesichts des politischen Irrsinns, den die Freiheitlichen der Republik seit Wochen zumuten, war es ja langsam auch an der Zeit, werden viele Bürger (und vor allem die ÖVP, die von Haiders Verschwinden am meisten profitierte) nun denken.

Was aber in der Momentaufnahme plausibel erscheint, muss nicht unbedingt innenpolitische Realität werden. Die ist durch die schwarz-blaue Koalition derzeit ohnehin mehr vom Alles-ist-möglich-Prinzip geprägt als berechenbar. Und bei Jörg Haider ist für erfahrene Beobachter immer Vorsicht geboten.

Wie oft ist der alternde Politpopstar schon für erledigt erklärt worden, haben Journalisten geglaubt, ihn totgeschrieben zu haben? Jedes Mal noch hat er sich aufgebäumt und kam umso stärker (und härter in seinem Vorgehen) wieder zurück auf die Bühne.

Es wäre daher ganz und gar nicht überraschend, wenn bereits in den nächsten Tagen ein innerparteiliches Kesseltreiben beginnt, wie es selbst die verstörtesten Funktionäre in der FPÖ noch nicht erlebt haben. Jörg Haider selbst hat am Samstag in seiner Presseaussendung, in der er den neuerlichen Rückzug von der Rückkehr an die Parteispitze erklärte, unmissverständliche Andeutungen gemacht.

Diese klingen weniger nach einer wirren Erläuterung eines Enttäuschten (wie viele Bürgerliche noch immer glauben). Vielmehr ist sie wie eine gefährliche Drohung an jene "bisherigen Regierungsmitglieder und die sie umgebenden Lobbys und Interessengruppen" formuliert, welche der Gesamt-FPÖ ihre Linie aufdrängen wollten, um - wörtlich - einen "für die ÖVP maßgeschneiderten Koalitionspartner darzustellen".

Die Anspielung zielt auf das Milliardengeschäft mit den Abfangjägern. Einen viel schlimmeren Doppelvorwurf an Riess-Passer & Co kann ein Freiheitlicher gegenüber der FP-Spitze kaum erheben: "Verrat" an die Volkspartei, dubiose Geschäfte.

Die Bekämpfung von SPÖ und ÖVP war Haiders Kernprojekt von Anfang an. Er hat es nie aufgegeben. Dass er mit der ÖVP und Wolfgang Schüssel einen Koalitionspakt einging (mit dem für beide angenehmen Nebeneffekt des Zerbröselns der SPÖ), war von ihm nur als Zwischenschritt nach ganz oben geplant.

Nun könnte der finale Kampf mit Schüssel persönlich, den die Freiheitlichen intern stets nur verhöhnten, begonnen haben. Allerdings wäre ein Umweg nötig.

Nicht undenkbar daher, dass schon in wenigen Tagen Skandalberichte über ungustiöse Verquickungen von Politik, Rüstungslobbys und dem Frank-Stronach-Konzern beim Abfangjäger-Projekt auftauchen, wie Österreich sie seit den 70er- und 80er-Jahren nicht mehr gesehen hat. Erste "Gerüchte" über Susanne Riess-Passers angebliches sündteures Penthouseprojekt und einen Job ihres Mannes bei Frank Stronachs "Magna" geistern bereits durch die Blätter, was die Vizekanzlerin umgehend wütend dementierte. Von Finanzminister Karl-Heinz Grasser ist bekannt, dass er über ein Rückkehrrecht zur "Magna" verfügt.

Rein zufällig kam Haiders Raunen sicher nicht. Sollte an Riess-Passer & Co das Geringste "hängen bleiben", dann wäre Schüssels Wahlstrategie, nämlich zwischen einer "guten FPÖ" seiner Regierungspartner und einer "bösen" um Haider zu unterscheiden, zertrümmert. Alles ist möglich - auch das Gegenteil. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

Thomas Mayer
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