Demontage einer Ikone

15. September 2002, 20:49
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Debatte um Nachfolger für US-Notenbankchef Alan Greenspan voll im Gange

Washington/Wien - Der Mythos Alan Greenspan wird langsam entzaubert. Das ist bereits so weit vorangeschritten, dass sich das Karussell möglicher Nachfolger schwungvoll zu drehen begonnen hat.

Was noch vor einigen Monaten für die internationale Finanzgemeinschaft zu schreck- lich war, um auch nur daran zu denken, ist jetzt Wirklichkeit: Rund um den so oft "wahrer Präsident der USA" und "mächtigster Mann der Welt" genannten US-Notenbankchef wird das Feld für einen Abtritt gepflügt.

Vor kurzem noch wurde die Möglichkeit eines Greenspan-Abganges mit einem unabsehbaren Absturz der Aktienmärkte in eine Finsternis der Orientierungslosigkeit gleichgesetzt. Ängstlich wurde die Verfassung des New Yorkers beobachtet, zufrieden wurden Medienberichte konsumiert, wonach er täglich des Morgens ein entspannendes Schaumbad nehme. Stand eine Rede an, sprach man weltweit ehrfürchtig vom Auftritt der "Sphinx", Interpretationsrichtlinien wurden diskutiert wie die Exegese der Bibel.

irrational exuberance"

Jetzt wird dem in den 90er-Jahren mit ihrem Aktienboom höchstgelobten Banker sogar vorgeworfen, er sei mit dem von ihm selbst "irrational exuberance" (irrationale Übertreibung) genannten Börsenphänomen falsch umgegangen, er hätte die Zinsen erhöhen und damit die Blase verhindern sollen. "Greenspan-Blase" wird der Boom nun bezeichnet, der an seinem Ende sieben Billionen (!) Dollar an US-Börsen und drei Billionen Dollar anderswo vernichtet hat. Greenspan sprach deshalb zuletzt öfters in eigener Sache: Eine Blase zeige ihre Existenz erst indem sie platze, sagte er und explizierte die Gefahren kurzer Zinszügel.

Vielleicht denkt er dabei an das Jahr 1992, als George Bush senior ihm vorwarf, die Zinsen 1991 nicht schnell genug gesenkt zu haben, was erst den Sieg Bill Clintons ermöglicht habe.

Derzeit sind die Zinsen in den USA noch immer so niedrig wie seit 42 Jahren nicht mehr. Sein Verhältnis zu Bush junior wird als ungleich besser beschrieben. Offiziell ist deshalb von Nachfolgediskussionen in Washington auch nichts zu hören.

Möglich auch, dass, sollte sich die Wirtschaft wieder erholen, der nächste US-Notenbankchef neuerlich Alan Greenspan heißen könnte. Offiziell endet seine Amtszeit im Juni 2004, begonnen hatte sie im August 1987. Seine Funktion als Gouverneur dauert noch bis Februar 2006.

Im Nachfolgekarussell

Im Nachfolgekarussell sitzt derzeit John Taylor, Staatssekretär im Finanzministerium, ein Fachmann für Geld- und Währungspolitik, der in Stanford lehrte und dessen Berufung zweifellos Folgen für die Richtung der US-Notenbank hätte: Taylor plädiert für eine stärker regelgebundene Geldpolitik.

Larry Lindsey, engster Wirtschaftsberater des Präsidenten und jetzt wieder gut in Erinnerung, weil er 1996 vor einer spekulativen Blase warnte, wird ebenso herumgereicht wie Exfinanzminister Robert Rubin, der inzwischen im Führungsboard der Citigroup sitzt - und angeblich derzeit oft nach Washington kommt.

Die laufende, schrittweise Demontage Greenspans dürfte jedenfalls einem Schock auf den internationalen Finanzmärkten vorbeugen. (Karin Bauer/DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

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    Offiziell gibt es keine Nachfolgediskussion, hinter den Kulissen rittern die Kandidaten schon um den Posten von US-Notenbankchef Alan Greenspan.

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