Privatisieren in Osteuropa mit Österreicher-Schmäh

15. September 2002, 19:27
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Peter Goldscheider: Putin die Oligarchen unter Kontrolle bekommen

Salzburg - Als Goldscheider, dessen Familie in der Monarchie eine berühmte Keramikmanufaktur gründete, knapp nach der Wende in Prag bei einem öffentlichen Hearing um Aufträge für die beginnende große Privatisierung kämpfte, hatte er ein mulmiges Gefühl angesichts der internationalen Konkurrenz. Goldscheider trat ans Rednerpult und sagte: "Die Österreicher haben schon in der Monarchie von der tschechischen Industrie gelebt. Inzwischen habt ihr Pech gehabt und seid durch den Kommunismus zurückgeworfen worden. Wir Österreicher haben jetzt einen Vorsprung. Aber ich möchte euch jetzt helfen, diesen Vorsprung wieder einzuholen, damit ich mich in zehn, fünfzehn Jahren auf die faule Haut legen und wieder vom Fleiß der Tschechen leben kann." Bei Goldscheider drängten sich daraufhin die Staatskonzerne, die Hilfe bei der Privatisierung brauchten.

Diese Anekdote erzählt Goldscheider gern, wenn er erklären will, warum eine relativ kleine österreichische Firma führend bei Privatisierungen in Mittel-und Osteuropa ist. EPIC ("Euopean Privatization & Investment Corporation") bei der Goldscheider einer der Managing Partners ist, wurde im Wendejahr 1989 gegründet, hat über 200 Mitarbeiter und ist in 14 Ländern präsent. Die Firma berät sowohl ausländische Investoren wie heimische Betriebe, die privatisieren oder einen Joint Venture eingehen möchten. Insgesamt wurden 30 Transaktionen auf dem Energiesektor abgeschlossen (etwa beim Verkauf der Prager städtischen Gas- und Stromwerke an Ruhrgas, aber auch bei etlichen Telekom-Privatisierungen). Beim WEF in Salzburg nimmt Goldscheider an einem Workshop über "Information technology" teil.

Wie sieht die Privatisierungslandschaft derzeit aus? Goldscheider sieht die Situation in den klassischen Reformländern bereits weitgehend "abgegrast", Hoffnungsgebiete sind etwa Serbien, aber auch die zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion: "Serbien hat eigentlich die besten Voraussetzungen, auch für einen Einstieg für österreichische Firmen. Die Menschen sind gut ausgebildet, die Infrastruktur ist vorhanden, wenn auch veraltet und durch die Nato-Bomben im Kosovo-Krieg beschädigt. Problematisch ist natürlich nach wie vor die politische Situation."

Zur Rechtsunsicherheit für ausländische Investoren meint Goldscheider: "Dass in verschiedenen Ländern Reformen durchgeführt worden sind, bedeutet noch lange nicht, dass man im Streitfall sein Geld wiederbekommt. Da müssen sich die Firmen schon umschauen, wie sie einen direkten Draht in die Politik oder aber auch in die Justiz bekommen. Das ist leider so."

EPIC berät ganz überwiegend Großfirmen, und Goldscheider rät Klein- und Mittelbetrieben auch ab, massiv in diesen Ländern einzusteigen: "Nur Großkonzerne haben die entsprechende Organisation und Schwungmasse, um sich da durchzusetzen." Im Übrigen habe sich in einem Land mit besonders großer Rechtsunsicherheit doch einiges geändert: "In Russland hat Putin die so genannten Oligarchen doch unter Kontrolle bekommen." Das habe zwar nicht unbedingt die tägliche Korruption und Rechtsunsicherheit beseitigt, mafiose Großstrukturen seien aber wenigstens nicht mehr so mächtig wie früher. (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

Peter Goldscheider ist Managing Partner der EPIC - ein österreichischer Finanzdienstleister mit 200 Mitarbeitern, der sich auf Ost- und Mitteleuropa konzentriert und dort in seiner Branche führend ist.
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