Vorreiter einer vitalen Demokratie

26. März 2005, 23:45
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Nanni Moretti (49), widerspenstiger und -williger Held der italienischen Opposition, im Porträt

"Kino? Nur dann, wenn man etwas zu sagen hat", zitierte DER STANDARD Nanni Moretti, als der italienische Filmemacher erstmals an dieser Stelle gewürdigt wurde - im Mai 2001 hatte er für sein Familiendrama Das Zimmer meines Sohnes die Goldene Palme in Cannes erhalten.

Politik hingegen? Zwar verhandelte Moretti in Filmen wie La messa è finita (1985, derzeit übrigens erstmals im Wiener Stadtkino zu sehen) oder Aprile (1998) immer wieder das wankende Selbstverständnis der italienischen Linken - wobei er für seine scharfzüngigen Befunde auch gerne als "römischer Woody Allen" tituliert wurde. "Der Widerstand gegen Berlusconi müsste aber vor allem von den Berufspolitikern kommen", meinte Moretti noch im Vorjahr in Interviews.

Dabei hatte er schon 1994 Kinospots gegen den Medientycoon und dessen Forza Italia gedreht und gleichzeitig auch mit scharfer Kritik an den schwächlichen Kontrastrategien der linken Parteien gegeizt. Dennoch: Politik nur dann, wenn die Profis ganz offensichtlich überhaupt nichts mehr zu sagen haben - dies schien lange Jahre Morettis Motto gewesen zu sein.

Wenn der 49-jährige Regisseur, Autor und Schauspieler jetzt also in Rom wieder als Galionsfigur für knapp eine Million Anti-Berlusconi-Demonstranten gefeiert wurde, dann gilt er weiterhin als "Volksheld wider Willen": Im Februar dieses Jahres sah sich Moretti bei einer Demo des Mitte-links-Bündnisses Ulivo außerstande, die Selbstbeweihräucherungen der Opposition länger zu ertragen, und geißelte lautstark die Ulivo-Politiker. Sie seien ganz offenkundig "nicht fähig, den Unmut ihrer Wähler wahrzunehmen". Diese "Ohrfeige" wurde von Intellektuellen freudig begrüßt. Ihre Adressaten, die Politiker, hingegen wurden bestenfalls blass - und so fand auch die jüngste Demonstration ohne ihre dezidierte Zustimmung statt.

Nanni Moretti sah das "Fest des Protests" aber ohnehin als vitalen Ausdruck von Demokratie, zu dem "nicht nur linksorientierte Bürger aufgerufen sind, sondern auch Berlusconi-Wähler, die sich von der Regierung betrogen fühlen". Ob er dieser "von Parteien unabhängigen Opposition" aber weiterhin im von seinen Fans gewünschten Ausmaß zur Verfügung stehen will und kann, ist fraglich.

Moretti, der eher als bedächtig arbeitender Künstler gilt, engagiert sich mit einiger Begeisterung in seinem Kino und seinem Filmverleih - beide tragen den Titel "Sacher" (obwohl er die Torten, mit denen er deswegen oft beschenkt wird, "nicht mehr sehen kann"). Immer noch gilt der 1953 in Bruneck Geborene als fanatischer Sportler. Weiters widmet er sich als relativ spät berufener Familienvater mit Hingabe seinem Sohn und seiner Frau, einer Enkelin Arnold Schönbergs. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

  • Nanni Moretti am Podium von "Una festa di protesta". Im Hintergrund ein Plakat der "girotondi"- ("Ringelreihen"-) Bewegung

    Nanni Moretti am Podium von "Una festa di protesta". Im Hintergrund ein Plakat der "girotondi"- ("Ringelreihen"-) Bewegung

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