Der Lärm und die Stille

15. September 2002, 18:57
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Die Wiener Philharmoniker unter Thielemann im Musikverein

Wien - Die Musikwelt träumt von Sternstunden und lebt vom Alltag. Und wenn dieser so ausfällt wie am vergangenen Samstag im Musikverein jener philharmonische unter Christian Thielemann, darf man eigentlich recht zufrieden sein. Selbst dann, wenn ein gewisser spaßgesellschaftlicher Hang zu ohrenschlüpfriger Programmierung (einmal Mendelssohn Bartholdy, zweimal Richard Strauss) weder zu übersehen noch zu überhören war.

Allein, wo Christian Thielemann seine energischen Hände im Spiel hat, kann nichts schief gehen. Er wird kein außerordentlicher Dirigent, wie manche viel sagend prophezeien, er ist einer. Das sicherste Kennzeichen der für diesen Job nun einmal unabdingbaren, zwingenden persönlichen Aura ist nicht allein, wie ein Dirigent ein Orchester zum Klingen bringt, sondern ob und wie schnell er das zischelnd auf den Sesseln wetzende Publikum zuvor zum Schweigen bringt. Ob er jene gespannte Stille schafft, in der Musik und ihre Interpretation überhaupt erst Kunst werden können.

Und Stille erzeugen kann dieser 43-jährige Berliner mindestens ebenso perfekt wie er auch im wahrsten Sinn des Wortes gehörigen Lärm zu machen versteht. Nicht nur dort, wo man dies erwartet: In den ohrenbetäubenden Augenblicken, in denen der fast 82-jährige Richard Strauss die Spätlese seines Opernschaffens einbrachte und aus der dicken Maische seiner Frau ohne Schatten deren raren melodischen Saft zu einer - allerdings in gar keiner Weise berauschenden - "symphonischen Phantasie" kelterte. Auch die oft nur still geraunten Geheimnisse in Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum-Ouvertüre wurden diesmal so deutlich hörbar ausgeplaudert, dass es des Waldes an installierten Mikrophonen kaum bedurft hätte.

Ganz klar, dass für die Aufnahme des Heldenlebens von Richard Strauss nur ein einziges genügt hätte. Und erst recht für den nach dessen Abschluss ausbrechenden Jubel. Vergleicht man diese Interpretation mit jenem ungleich spannenderen Heldenleben, das die Philharmoniker unter Thielemann kürzlich in Salzburg vorführten, war dieser fast ein wenig unberechtigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

Von Peter Vujica
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