"Heute höre ich genauer hin"

18. September 2002, 19:33
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Herbert Grönemeyer im Interview über sein Durchhalten als "öffentliche Person" und sein Platz-1-Album "Mensch"

Vier Jahre nach dem Tod seiner Frau und seines Bruders hat Herbert Grönemeyer gerade mit "Mensch" sein bis dato erfolgreichstes Album veröffentlicht. Im Gespräch mit Christian Schachinger erzählt der 46-Jährige über sein Leben und Durchhalten als "öffentliche Person".


STANDARD: Herr Grönemeyer, wie gehen Sie mit dem derzeit unglaublichen Medieninteresse an Ihrer Person um? Immerhin lebten Sie die letzten Jahre zurückgezogen in London.

Grönemeyer: Berechenbar ist so etwas natürlich nicht. Dass der Spiegel und der Stern wieder etwas machen würden, wussten wir. Aber dass die Zeit plötzlich ankommt und ich nach all den Jahren einen Feuilleton-Aufmacher bekomme, war schon sehr überraschend. Dazu kommt dann auch noch, dass die Single Mensch und jetzt auch das Album ohne Werbung auf Platz eins marschierte. Das schäumt sich dann alles selber hoch.

STANDARD: Ihr Comeback kommt knapp vor den deutschen Wahlen. Da sie als kritischer Zeitgenosse gelten, besteht wohl auch ein öffentlicher Bedarf an Ihrer Meinung.

Grönemeyer: Zum Teil habe ich in Interviews sicher auch über Politik gesprochen, das interessiert die Leute eben, was ein bekannter Künstler dazu zu sagen hat. Allerdings bin ich jetzt seit gut 20 Jahren als Musiker erfolgreich, bin aber erst durch die Ereignisse in meiner Familie eine "öffentliche Person" geworden. Vorher haben wir unbelästigt in der Stadt geshoppt, und keiner krähte nach mir. Nach dem Tod meiner Frau und meines Bruders Ende '98 kriegte ich dann aber eine völlig neue Öffentlichkeit. Warum mich derzeit alle Medien zu meiner politischen Meinung befragen, hat vielleicht damit zu tun, dass der ganze Wahlkampf so konturlos und verwaschen ist.

STANDARD: Aufgrund der tragischen Ereignisse in Ihrer Familie hat auch eine Umwertung stattgefunden. Sie sind jetzt auch in Medien, die Sie früher belächelt haben, ein Guter geworden.

Grönemeyer: Diese Position muss man sich hart erkämpfen, Neid muss man sich erwerben! In Deutschland ist es ein langer Weg, bis man für das respektiert wird, was man macht. Das hat auch mit der Unreife unseres Landes zu tun. Man bekommt hier relativ wenig von den Menschen zurück. Sänger wie der verstorbene Rio Reiser (König von Deutschland) oder hier bei Ihnen Falco haben es zu Lebzeiten sehr, sehr schwer gehabt. Falco hat ja seinerzeit auch gesagt: Erst wenn einer gestorben ist, lassen ihn die Leute richtig leben.

STANDARD: Wie groß muss das Selbstbewusstsein sein, dass man so lange durchhält, wie lebt man mit all der Häme wegen Hits wie "Männer" oder "Kinder an die Macht"?

Grönemeyer: Ich bin generell sehr stur und habe meine Visionen, wie etwas auszusehen und zu klingen hat. Ich habe meine Vorstellungen davon, wie die Zuneigung der Öffentlichkeit gegenüber Künstlern aussehen soll. Dabei hat mir meine Zeit in England auch sehr geholfen. Britische Musiker denken über so etwas gar nicht nach. Die sagen: Ich bin Rock'n'Roller und der Größte. Ich hänge mir die Gitarre um und mache Peng! Musik ist der zweitgrößte Industriezweig in Großbritannien. Das steigert natürlich das Selbstwertgefühl. Was man in England an Selbstbestätigung in vier Jahren bekommt, dauert in Deutschland 18 Jahre.

STANDARD: Ihr neues Album ist gleichzeitig Ihr bisher mutigstes und gelassenstes. Es ist ein Suchen und Tasten, und dabei doch sehr bestimmt. Kann man in der Distanz zu Deutschland besser die öffentliche Erwartungshaltung ignorieren?

Grönemeyer: Zum einen lernt man natürlich als Deutscher in England zu entspannen. Es ist dort wahnsinnig teuer, man blickt nicht durch das Klassensystem dort durch, und es klappt auch nichts. Für einen Deutschen ist das alles nicht nachvollziehbar: Nichts funktioniert - und es funktioniert trotzdem. Bei uns muss immer alles schön geordnet sein mit unseren mittelmäßigen Gehirnen. Engländer sind da viel anarchistischer und unkompletter. Die Krankenhäuser sind eine Katastrophe, das Schulsystem ist kompliziert, selbst eingefleischte Londoner lassen Handwerker einfliegen.

Das alles hat mich merkwürdigerweise sehr beruhigt. Angesichts des 11. Septem-ber habe ich auch den tollen Satz gehört: Wir entscheiden selber, wann wir uns Sorgen machen müssen. Morgen jedenfalls nicht - aber übermorgen mal wieder. Deutsche sind da gleich viel "betroffener".

STANDARD: Was Sie da schildern, trifft auch auf "Mensch" zu. Manches auf diesem Album ist brüchig, vieles geht schief. Fehler lässt man aber stehen, danach kann man immer noch Schaden begrenzen.

Grönemeyer: Das habe ich so auch zum ersten Mal gewagt. Ich habe ja bisher immer gekuckt: Ja, dieser eine Satz, vielleicht sollte ich den doch austauschen, bin nachts wach gelegen und habe mir den Kopf zerbrochen ...

STANDARD: Also der deutsche Reimzwang?

Grönemeyer: Mehr noch: Der deutsche Inhaltszwang. Ist jeder Satz für sich auch stark genug? Die New York Times hat mal über meine Texte, die damals Peter Hammill übersetzte, geschrieben: Fünf Sterne, die besten Texte des Jahres, aber viel zu kompliziert, um sie zu verstehen. Jetzt texte ich eher fragmentarisch. Ich mache da auch oft so Bananentexte. In meine Single Mensch wollte ich unbedingt die Formulierung "Strand des Lebens" einbauen. Das klingt zwar richtig schön doof, verbreitet aber ungemein viel Atmosphäre.

STANDARD: Das deutsche Klischee ist die Perfektion. Inwieweit erfüllen Sie dieses? Wann lässt man ein Lied los, das man auch noch in 40 Interviews ...

Grönemeyer: ... schönreden kann! Nein, das ist nicht das Problem. Ich komme ja vom Theater. Dort lernt man, dass man eine Probenzeit hat und nötigenfalls die Premiere um eine Woche verschieben kann. Aber der Lappen geht irgendwann hoch.

STANDARD: Wie wichtig ist es, sich selbst bei der Arbeit von außen zu betrachten?

Grönemeyer: Bei privaten Ereignissen wie dem Tod meiner Frau muss man natürlich aufpassen, dass man nicht zynischer wird. Andererseits wird man radikaler. Meine Frau war ja auch diejenige, die versucht hat, mich in diese neue Richtung zu treiben: Mach das alles nicht so ambitioniert, ein wenig kleiner ... Ihr ging der ganze Trubel um mich ziemlich auf die Nerven. Diese veräußerlichten Luftblasen. Von meiner eigenen Veranlagung her bin ich ursprünglich anders. Ich walle gerne. Früher wäre ich an intimeren Momenten in meinen Liedern vorbeigerauscht, heute höre ich genauer hin.

STANDARD: Hegen auch Sie heimlich die Sehnsucht nach der großen Form? Vielleicht mal einen Roman schreiben?

Grönemeyer: Ich bin kein Schreiber, die Form liegt mir einfach nicht - und Geduld habe ich auch nicht. Da fehlt mir wahrscheinlich auch die Fantasie dafür. Ein Drehbuch würde sich vielleicht gerade noch ausgehen, für einen kleinen schlichten Film im Stile von Wim Wenders' Alice in den Städten. Ganz still, auf der Suche nach dem Glück ...

STANDARD: Ich habe gerade wieder Ihr altes Video zu "Kinder an die Macht" gesehen. Ihre damalige Frisur ...

Grönemeyer: Der Engländer nennt das wohl einen "very bad hair day"!
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

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