Japan ist einen Börsenblick wert

22. September 2002, 18:21
1 Posting

Der September begann in Tokio mit einem Börsenkrach - Versuche der japanischen Regierung, diesen Problemen zu begegnen, lasten auf den Gemütern. - Gastkommentar von Michael Margules

Der September begann in Tokio mit einem Börsenkrach: Der Nikkei-225-Index fiel auf 9217, den tiefsten Stand seit dem 19. September 1983, und der marktbreite Topix landete mit 904 auf dem Niveau vom 25.Dezember 1984. Die Börse hat das erfreuliche Realwachstum im zweiten Quartal von 0,5 Prozent verglichen mit dem Vorquartal weggewischt, obwohl damit Japans Wirtschaft erstmals nach einem vollen Fiskaljahr schrumpfender Konjunktur wieder expandierte. Doch vor allem der marode Finanzsektor und die bis dato nur halbherzigen Versuche der japanischen Regierung, diesen Problemen mit nachhaltigen Reformen zu begegnen, lasten schwer auf den (Börsen) Gemütern.

Starke Börsenabhängigkeit

Auf einem Finanzplatz wie Japan, wo andere Formen der Refinanzierung wie zum Beispiel der Markt für Unternehmensanleihen – also doch nicht immer nur "Wien, Wien, nur du allein..." – kläglich unterentwickelt sind, hängen Wirtschaft und Konjunktur fast ausschließlich am Tropf der Banken. Und die hängen am Tropf der Börse, die damit wie in keinem anderen Industriestaat über das gesamtwirtschaftliche Schicksal entscheidet. Das bedeutet im Falle von schwacher Börse und noch immer nicht überzeugendem Konjunkturaufschwung massive Abgabenwelle in Aktien durch den Finanzleistungssektor, da die bedrängten Banken und Versicherungen mit Aktienverkäufen einen Ausweg aus ihrer chronischen Misere suchen. Der Teufelskreis ist bekannt: Die Kurse gehen noch tiefer, und ein kollabierender Nikkei brockt den Finanzhäusern noch mehr bilanzwirksame Wertpapierverluste ein, da sie jetzt ihre Wertpapiere zu Marktpreisen bilanzieren müssen. Die Eigenkapitalbasis schrumpft, und die Bereitschaft und Fähigkeit der Kreditwirtschaft, Unternehmen und Konsumenten mit billiger Liquidität zu versorgen und der Konjunktur damit die Sporen zu geben, sinkt.

Hoffnungsschimmer

Das Szenario scheint vorerst unrealistisch zu sein, daß Japan am Anfang eines zyklischen Aufschwungs sich als globale Anlagealternative profiliert. Wohl fehlt es nicht an Reizen. Einer davon, und nicht der kleinste, ist zuletzt die für Tokio sensationelle durchschnittliche Dividendenrendite von 1,3 Prozent. Sie liegt damit höher als die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen; Die Immobilienpreise, deren ab 1989 einsetzende massive Korrektur die in ihrer Länge und Dimension bisher einzigartigen japanischen Börsenmalaise– wenngleich sich Nasdaq, Dax und Konsorten seit Anfang 2000 in emsigen Konkurrenzkampf befinden – auslösten, werden inzwischen durch ansehnliche Renditen stabilisiert;

Und selbst das Verhältnis Wertpapierkäufer zu –verkäufer sorgt für Hoffnung: per Ende August haben sich Ausländer zu netto 717,4Mrd. Yen und inländische Privatanleger zu netto 410,1Mrd. Yen im heurigen Jahr engagiert, während sich die Nettoverkäufe der Versicherungen (262,0 Mrd. Yen) und der Kreditwirtschaft (401,2 Mrd. Yen) in relativ geringen Grenzen halten. Das große "Aber": die Markt-Psychologie widersetzt sich unverändert standhaft einen ökonomischen (Börsen)Aufschwung, sprich in den Köpfen von Konsumenten, Sparern – Japan zählt neben Österreich zu den Musterländern in Sachen "Sparstrumpf" – hat sich die Deflation und damit der Glaube daran, daß alles noch billiger zu haben sein wird als schon bisher, ebenso festgesetzt wie zwei Jahrzehnte zuvor die Überzeugung endlos steigender Immobilien- und Aktienpreise.

"Attraktive" Bewertungsratios

Mittlerweile – und dieses Satzanfang wirkt wohl für etliche japangläubige Anleger nach 13 Jahren Baisse geline gesagt etwas zynisch – notieren Japanaktien auf einem für das Land verlockend tiefen Niveau. Das US-Wertschriftenhaus Goldman Sachs rechnete aus, daß die Titel der ersten Sektion der Tokioter Börse, die im Topix zusammengefaßt sind, mit einem KGV auf Basis der für das Jahr 2002 geschätzten Gewinne von 33 gehandelt werden. Damit ist der Gesamtmarkt im Vergleich zu 1999 und 1994, den beiden Jahren kurz vor dem Beginn eines Kursrally, besonders günstig. 1994 betrug das KGV im Durchschnitt 65, 1999 noch 50. Japanaktien sind damit wie immer schon weitaus teurer als europäische und amerikanische Titel. Doch im historischen Vergleich sind sie tief bewertet, und vor allem japanische Parade-Industriewerte à la Sony, Toyota, Fuji Photo haben die notwendigen Hausaufgaben in punkto Restrukturierung bereits hinter sich gebracht.

Deswegen bekennt sich der Schreiber dieser Zeilen nach wie vor zu seinem leidvollen "Ich bin ein Bearliner", doch gerade die Tokioter Börse erscheint nicht nur im Sinne eines Contrarian-Ansatzes für eine zumindest kurzfristigen Rebound in Richtung "Nikkei 11.000" und damit vergleichsweise zu größeren Höhenflügen als die europäischen oder amerikanische Pendants geeignet.

Nachlese

--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.