"Financial Times Deutschland" gibt Wahlempfehlung ab

15. September 2002, 17:36
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"Unsere Stimme gilt der Union"

Erstmals in Deutschland hat eine Tageszeitung ihren Lesern eine Wahlempfehlung gegeben (der Etat berichtete). Eine Woche vor der Bundestagswahl empfiehlt die Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD) in ihrer Montagsausgabe, der Union unter Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) die Stimme zu geben. "Trotz aller Bedenken bietet die Union die besten Aussichten für eine Politik, die Wachstum und internationale Integration in den Mittelpunkt stellt", heißt es in einem seitenfüllenden Leitartikel. "Weil auf dem Wahlzettel nur eine Zweitstimme gegeben werden kann, gilt unsere Stimme der Union."

Journalistisches Tabu gebrochen

Mit der erstmaligen Veröffentlichung einer Wahlempfehlung bricht das lachsfarbene Wirtschaftsblatt mit Sitz in Hamburg in Deutschland ein journalistisches Tabu. In den USA und Großbritannien hingegen sind die "endorsements" seit langem üblich; die FTD folgte darin ihrer Londoner Schwesterzeitung "Financial Times". "Das ist kein Wahlbefehl, sondern eine Wahlempfehlung", sagte FTD-Chefredakteur Christoph Keese der Nachrichtenagentur AFP. Dahinter stecke ein "zutiefst journalistisches Anliegen". Schließlich werde "vom Dosenpfand bis zum Krieg in Afghanistan" zu jedem politischen Thema klar Stellung bezogen. "Wir sehen nicht ein, warum man es in diesem Fall nicht tun sollte."

Das letzte Wort hatte die Chefredaktion

Vorausgegangen war eine wochenlange Leitartikel-Serie zu den großen Sachthemen und ein Vergleich der Parteiprogramme. Am Freitag fiel dann in einer sechsstündigen Debatte in der Redaktion die Entscheidung, die aber nicht einmütig fiel. "Es ist es nicht zu einem Konsens gekommen", sagte Keese. "Die Chefredaktion hatte dann das letzte Wort." Ausschlaggebend für die Entscheidung seien zwei Punkte gewesen: die Wachstums- und Wirtschaftspolitik sowie die Außenpolitik.

In anderen Politikgebieten, etwa der Zuwanderungs- und der Gesellschaftspolitik, stecke die Union "vielfach noch im Denken der 50er Jahre fest", sagte Keese. Bei einer breiter angelegten Betrachtung wäre die Wahlempfehlung anders ausgefallen, aber für eine Wirtschaftszeitung seien die entscheidenden Gesichtspunkte andere.

"Wir haben uns nicht die Schädel eingeschlagen"

Die Diskussion in der Redaktion sei "sehr sachlich und ruhig" verlaufen. "Wir haben uns nicht die Schädel eingeschlagen", sagte Keese. Auch sei es nicht darum gegangen, Redakteure in einen Konsens zu zwingen. "Das Verfahren war so offen, wie Sie es bei anderen angelsächsischen Zeitungen nicht erleben würden."

Zum Leitartikel vom Montag sollen Texte gestellt werden, in denen die Grundlagen für die Wahlempfehlung erläutert und auch der kontroverse Verlauf der Diskussion dargestellt werden. In den kommenden Tagen bekommen laut Keese andere Kommentarschreiber die Gelegenheit, eine andere Position in der FTD zu veröffentlichen. (APA/AFP)

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