Therapie statt Strafe

16. September 2002, 07:00
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dieStandard.at besuchte die Frauenabteilung der Justizanstalt Favoriten für entwöhnungsbedürftige RechtsbrecherInnen – mit Ansichtssache

Es ist Hoffest in der Sonder-Justizanstalt (JA) Favoriten. Ein gemeinsames Fest für die weiblichen und männlichen Insassen, auf dem kleinen Innenhof, der sonst dem täglichen Spaziergang dient. Es wird Fußball gespielt, gescherzt, geplaudert. „Die InsassInnen bereiten das zweimal im Jahr selbst vor – das ist Voraussetzung“, sagt Psychologin Barbara Trinkl, während sie das große weiße Gittertor vor uns aufsperrt. Über einen langen Gang mit rot-weiß-gekacheltem Fliesenboden gehen wir zum Besprechungszimmer der geschlossenen Frauenabteilung. Vorbei an den Zellen, mit ihren gelb gestrichenen Türen, bunten Bildern, Sprüchen, der Bitte, nicht gestört zu werden, vorbei an Überwachungskameras.

Wohngruppe statt Einzelhaft

„Nach Favoriten“ kommen StraftäterInnen, die sich der Behandlung ihrer Suchtkrankheit unterziehen wollen oder ein Delikt im Zusammenhang mit Suchtgiften begangen haben und vom Gericht eingewiesen wurden. Im Durchschnitt bleiben sie zwei Jahre hier. Geleitet wird die Anstalt von PsyhologInnen, unter Mitarbeit von SozialarbeiterInnen, BeamtInnen, PädagogInnen, TherapeutInnen. Frauen werden erst seit 1993 hier inhaftiert: Für sie gibt es derzeit eine Abteilung mit psychotherapeutischem Angebot und eine mit psychologischer Betreuung. „Die Unterbringung findet bei uns im sogenannten Wohngruppenvollzug statt, das heißt, die Insassinnen können sich innerhalb ihrer Abteilung rund um die Uhr frei bewegen“, erklärt Trinkl. „Sie sorgen in Kleingruppen für ihre Verpflegung, für die es 25 Euro pro Kopf und Woche gibt, kochen und putzen selbst.“ Nur eingekauft wird für sie - was sie brauchen, müssen sie gemeinsam aufschreiben und in Auftrag geben. Selbstorganisation sei ein wichtiges Thema in der JA Favoriten, sagt die Psychologin: „Die Häftlinge werden damit zur Eigenständigkeit angehalten, um sich Schritt für Schritt auf das Leben ‚draußen‘ vorzubereiten.“

Arbeit, Therapie und Projekte

Der Tagesablauf ist geregelt: In der Früh gibt es Gelegenheit, zu telefonieren, von 8.30 Uhr bis 14.00 Uhr wird Montags bis Donnerstags gearbeitet, dann ist Therapie. Neben den regelmäßigen Therapiegruppen erhält ein Großteil der Frauen auch Einzelbetreuung, zusätzlich gibt es immer wieder Angebote wie Tanztherapie oder Schreibprojekte. Die Frauen des geschlossenen Bereichs arbeiten in der anstaltseigenen Wäscherei, der Tischlerei, absolvieren einen Computerkurs oder arbeiten im zur Anstalt gehörenden EDV-Betrieb „Nora“ mit.

Derzeit läuft gerade ein Arbeitslosenprojekt, bei dem die Stärken und Interessen der Frauen gefördert werden sollen – mit Kommunikationstraining, Konfliktmanagement und Rechtsberatung. „Sie lernen dabei aber auch, wie sie sich trotz Gefängnis wohl fühlen können, wie sie sich richtig ernähren und trotz fehlender Privatsphäre entspannen können.“ Außerdem sei es den BetreuerInnen wichtig, die weibliche Identität der Insassinnen zu fördern: „Viele haben draußen Erfahrung mit Gewalt gemacht oder nicht gelernt, sich für sich einzusetzen – dafür bieten wir auch Trainings an, etwa ‚Frau und Recht‘ oder ‚Frau und Sprache‘, wo sie lernen, verbale Gewalt zu erkennen.“

Haftgeschichten

Vor dem Besprechungszimmer wartet Irene*), die, mit kleinen Unterbrechungen, eine langjährige Haftstrafe wegen wiederholten Betrugs absitzt. Gemeinsam mit 17 anderen Frauen ist sie derzeit im „geschlossenen“ Vollzug, kommt aber „hoffentlich schon bald in den ‚gelockerten‘“, deren InsassInnen nach Beendigung des Therapieprogramms bereits außerhalb der Anstalt arbeiten und auch ihre geregelte Freizeit draußen verbringen dürfen.

Frau Irene war davor – wie viele der weiblichen Häftlinge - lange Zeit in der Frauenjustizanstalt Schwarzau/NÖ. Dort hätte sie jahrelang um Therapie kämpfen müssen, sagt sie: „Ich habe zehn Jahre lang versucht, in Therapie zu kommen, bis ich es mir schließlich selbst, mit privater Unterstützung, bezahlt habe, was auf Dauer aber zu teuer war.“ Hier sei sie zu Beginn gefragt worden, wie sie sich ihr weiteres Leben vorstelle: "Und ich habe gesagt: ‚In erster Linie möchte ich einmal leben lernen‘“, wobei ihr die therapeutische Behandlung jetzt eine große Hilfe sei.

Freiraum als Gewöhnungssache

Anfangs sei in Favoriten alles Neuland für sie gewesen: In der Schwarzau habe sie den ganzen Tag in der verschlossenen Zelle verbracht, mit einer Stunde Spazierengehen pro Tag, im offenen Bereich habe sie sich dann einsperren lassen, weil sie sich so unsicher fühlte. Und hier habe sie sich in den ersten Tagen gar nicht schlafen gehen oder alleine in der Nacht aufs Klo am Gang gehen getraut. „Ich habe meine Mithäftlinge gebeten, mich einzusperren, weil ich mich so gefürchtet habe.“ Aber sie habe sich schnell an die „Freiheit“ gewöhnt: „Jetzt werde ich schon zornig, wenn ich krank bin und deshalb in der verschlossenen Zelle bleiben muss.“

Nach einem halben Jahr psychologischer Betreuung gehe es ihr jetzt merklich besser: „Ich habe hier herinnen wieder denken gelernt, bin innerlich gefestigter – in der Schwarzau habe ich mir damit sehr schwer getan, da haben die Beamten gesagt: „Das Denken lassen sie uns über, sie brauchen nicht denken.“ Und wenn man so viele Jahre nicht eigenständig denkt, dann gewöhnt man sich das irgendwann ab und wird unselbstständig.“ Das erste, was ihr die Psychologin hier gesagt hätte, war: ‚Ihr Leben hier müssen sie sich selbst organisieren‘: "Und ich habe mir gedacht: ‚Was meint denn die damit, was will die von mir?‘“ Auch damit, als „Frau“ angesprochen zu werden, hätte sie am Anfang Probleme gehabt, hätte sich damit gar nicht identifizieren können, „weil man mich jahrelang immer nur mit dem Nachnamen angeredet hat, und auch nicht einmal per Sie“. Trotz aller Motivation und psychologischer Betreuung sei ihr aber nach wie vor jeden Tag bewusst, dass sie in Haft sei: „Der Vollzug ist ja sehr wohl immer noch da, der einem Grenzen setzt und sagt ‚Hallo, so nicht‘ – aber mit dem Auftrieb der TherapeutInnen, die das Selbstbewusstsein stärken.“

Mangelnde Privatsphäre

Christine und Brigitte, zwei Mithäftlinge, kommen herein, fertig fürs Hoffest. Christine „sitzt“ wiederholt, wegen gewerbsmäßigen Diebstahls, war süchtig. Es stört sie besonders, dass sie keinen persönlichen Freiraum hat: „Es gibt keinen Platz, um mich zurückziehen zu können, meine Ruhe zu haben und alleine zu sein – entweder es läuft immer der Fernseher oder es ist ständig jemand um Dich.“ Sie kommt bald hinaus, denkt jetzt schon über das Leben draußen nach: „Ich muss dran denken, ich habe ja nicht mehr viel Zeit über – ich erkundige mich bei sozialen Stellen, wo ich eine Wohnung bekommen kann, aber richtig kann ich das erst ein paar Wochen vor Haftentlassung planen, wenn ich Freigang habe.“ Auch sie war davor in der Schwarzau – ihre Entlassung soll diesmal anders werden: „In der Schwarzau bin ich auf Flucht gegangen und habe dann keinen Ausgang mehr bekommen, ich war verzweifelt: Einen Monat vor der Entlassung habe ich noch nicht gewusst, wo ich draußen hingehen soll, wo ich wohnen werde." Bei der Rechtsberatung habe sie erfahren, dass ihr fünf Tage Ausgang vor dem „Nach Hause gehen“ zustehen. "Wenn ich es zwei Wochen vorher nicht doch noch selbst geschafft hätte, mir ein Zimmer aufzustellen, wäre ich damals nach der Entlassung auf der Straße gestanden - ich möchte nicht, dass mir das nochmals passiert.“

Anders als andere

Über das Arbeiten später macht sie sich auch schon Gedanken: „Manche reagieren draußen anders, wenn sie wissen, Du warst in Haft. Wenn ich mir Arbeit suche, und ein Leumundszeugnis brauche, oder einen Kurs besuchen will, dann werde ich sicher ein riesengroßes Problem haben, wenn ich sage, ich war im Gefängnis.“ Derzeit bekomme Christine auch kaum Besuch - die Mutter sei traurig, ihre 23-jährige Tochter „ang’fressn, weil ich schon wieder im Häfn bin.“ Vor zweieinhalb Jahren sei sie clean gewesen, das hätte die Tochter sehr gefreut: „Sie hat gesagt ‚Mama, schau, dass Du es schaffst‘“ Jetzt sei sie „halt wieder drauf und im Gefängnis“ und habe mit ihr deshalb zur Zeit große Probleme.

Hinter Glas

Brigitte bekommt zwar Besuch, aber es macht sie traurig. Eigentlich ist, wegen der Gefahr des Drogeneinschmuggelns, nur Besuch hinter der Glasscheibe erlaubt, Ausnahmen gibt es für Seniorenbesuche. Das tut weh, viele haben da lieber gar keinen Besuch. „Alle vierzehn Tage darf mich meine Mutter besuchen – es tut so gut, ihre Hand zu halten - ich bin erst einen Monat hier, wegen Suchtdelikten, das ist meine erster längerer Aufenthalt im Gefängnis, Therapie statt Strafe“, schildert Brigitte. Wie viele andere Häftlinge in Favoriten wäre sie wahrscheinlich nicht straftätig geworden, wenn sie kein Drogenproblem hätte – viele rutschen ab, weil sie sich mit Delikten ihre Sucht finanzieren. Eigentlich wollte sie sich umbringen, sagt sie, denn „für mich sind dreieinhalb Jahre hier unmöglich. Ich hätte mir nicht gedacht, dass es so hart ist und es ist für mich noch gar nicht so real, dass ich diese Zeit jetzt absitzen muss. Ich bin früher schon einmal gesessen, aber es wird härter, wenn man älter wird.“

Familie als Rettungsanker

Sie habe sich selbst zum Strafantritt gemeldet, „weil ich meine Wohnung nicht verlieren und später wieder Arbeit haben will – wenn ich meine Familie nicht hätte, hätte ich mir schon was angetan, denn dann hätte ich mir gedacht ‚Wozu das Ganze?‘“ So schöpft sie Hoffnung, will clean sein, wenn sie heimgeht, von den Medikamenten und Drogen, damit sie „nach dem Rauskommen neu beginnen kann“: „Ich will nicht mehr süchtig sein, ich bin jetzt 33 Jahre, worauf soll ich warten? Bis ich 40, 50 bin? Dann kann ich keine Kinder mehr bekommen und habe mein Leben vertan. Aber ich will erst Kinder, wenn ich normal bin, denn das ist eine große Verantwortung – so kann ich nicht einmal auf mich selbst aufpassen, das würde ich niemandem zumuten.“

Von Isabella Lechner

Zur Ansichtssache - die geschlossene Frauenabteilung der JA Favoriten

*)Namen von der Redaktion geändert

  • In der JA Favoriten leben die InsassInnen in Wohngruppen, statt in Einzelhaft.
    diestandard.at

    In der JA Favoriten leben die InsassInnen in Wohngruppen, statt in Einzelhaft.

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