Einigkeit bei Diskussion zwischen Wirtschaft und WEF-Kritikern

14. September 2002, 13:35
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Ruf nach sozialer und ökologischer Verantwortung - Globalisierung könnte Gefahr für Mittelständische Unternehmen werden

Salzburg - Wer heftige Kontroversen erwartet hatte, der wurde Freitagabend enttäuscht: Bei einer Diskussion zwischen Vertretern der Wirtschaft und Globalisierungskritikern zum Thema "Chancen und Risken der Globalisierung für Klein- und Mittelständische Unternehmen (KMU)" war man sich in Salzburg weitgehend einig: Der entfesselnden Macht der globalisierten Märkte müsse mehr soziale und ökologische Verantwortung entgegengestellt werden.

Die Realität des globalen Dorfs sei eine Rückkehr zum maßlosen Konkurrenzdenken des 19. Jahrhunderts, stellte Jakob von Uexküll, Gründer des alternativen Nobelpreises, bei der vom Salzburger Wirtschaftsbund organisierten Podiumsdiskussion fest. Der Abend bildete den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Alternativveranstaltungen zu dem am Montag beginnenden Europäischen Wirtschaftsgipfel des World Economic Forum (WEF).

Gefahr für kleine Betriebe

Für Uexküll ist die Globalisierung eine Gefahr für kleine Betriebe. Welthandelsabkommen brächten keine Deregulierung, sondern "Umregulierung" auf Kosten der Natur oder auf Kosten anderer. Kleine und mittlere Unternehmen würden verdrängt. Dabei wäre es wesentlich billiger, in kleinen Unternehmen Arbeitsplätze zu schaffen als in multinationalen Konzernen. In Indien koste die Schaffung eines Jobs bei Klein- und Mittelbetrieben 200 bis 1000 Dollar, bei einem globalen Multi hingegen 10.000 Dollar (10.194 Euro), meinte Uexküll.

Die Menschen würden von ihren Regierungen nur als globale Konsumenten, nicht aber als Bürger vertreten. Eine Umfrage in Großbritannien habe kürzlich ergeben, dass 80 Prozent der Briten sich den Schutz lokaler und regionaler Märkte durch den Staat wünschten. Es brauche einen kulturell-ethischen Aufstand gegen die Kultur der Globalisierung, die zu einem ökologischen und sozialen Kollaps führe.

Ziel sei die Schaffung eines Weltzukunftsrates

Sein Ziel sei die Schaffung eines Weltzukunftsrates, vom dem eine moralische Kraft ausgehen könnte. Die Menschen in den unterschiedlichen Ländern hätten alle die gleichen Werte. "Die Herausforderung ist nicht der Wertemangel, sonder das Nicht-Handeln auf Basis dieser Werte." Ein solcher Weltzukunftsrat könnte eine Stimme sein, die "uns an unsere persönliche Verantwortung erinnert".

"In Österreich erwirtschaften kleine und mittlere Unternehmen 57 Prozent der Wertschöpfung, tätigen 62 Prozent der Investitionen und stellen 85 Prozent der Ausbildungsplätze zur Verfügung", unterstrich Wirtschaftsbund-Obmann Julius Schmalz die Bedeutung dieser Unternehmen. Er wollte die Diskussion nicht als Gegenveranstaltung zum WEF, sondern als "Ergänzung" verstanden wissen.

Globalisierung mehr Chancen oder Risken

Die KMU hätten bei ihrem Anteil an Unternehmen sowie Arbeitsplätzen in den vergangenen fünf Jahren sogar noch weiter zulegen können, berichtete der Vorstand des Instituts für Betriebswirtschaftslehre der Klein- und Mittelbetriebe der Wirtschaftsuniversität Wien. Es gebe keine Patentrezepte dafür, ob die KMU in der Globalisierung mehr Chancen oder Risken hätten. Es wären individuelle Strategien notwendig.

Nach der Gründerwelle in den osteuropäischen Staaten sei die Ernüchterung gefolgt, weiß Gabor Gernyi vom ungarischen Wirtschaftsministerium. In Ungarn habe es 1993/94 rund 1,4 Millionen Unternehmen gegeben, nun liege man bei 800.000 Betrieben. Zu wenig Kapital, ein Informationsdefizit und mangelndes unternehmerisches know-how nannte er als die größten Probleme für die Unternehmer. Diese Probleme zu lösen, sei die wichtigste Aufgabe vor dem Beitritt zur EU. (APA)

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