Vor Arkadien, in Arkadien, nach Arkadien

14. September 2002, 11:42
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Zwei neue Bücher beschreiben uns den voritalienischen und den italienischen Goethe

Im Goethejahr 1999 sah es so aus, als könnte es doch eine kleine Goethe-Konjunktur geben; inzwischen aber sind wir wieder nüchtern. Zwar werden täglich ca. 15 Busladungen mit Japanern durch das Haus am Frauenplan geführt und die Stadt Weimar hat weiter Lust und Plage mit den Resten nationaler und internationaler Goethe-Frömmigkeit, ist aber wieder in den Schlaf eines - zugegeben: hübsch restaurierten - Provinzstädtchens zurückgesunken. Die Philologen arbeiten an einer Neuausgabe aller Briefe Goethes, die Ausgabe seiner Tagebücher kommt gut voran. Im Übrigen harrt eine nicht fachliche kleine Öffentlichkeit des Bandes III der Goethe-Biografie des englischen Germanisten Nicholas Boyle.

Inzwischen können wir uns mit einem Klotz von Buch des Berliner Germanisten Norbert Miller trösten, der den Beinamen Goethes, verliehen durch die Freunde der frühen Jahre wegen des von Sturm und Drang getriebenen Jünglings vieler Fußmärsche zwischen Bad Homburg, Frankfurt und Darmstadt über sein Buch gesetzt hat: Der Wanderer. Miller ist Herausgeber der Italien betreffenden Bände der so genannten Münchner Goethe-Ausgabe. Er hat dabei so viel Wissen und eine solche Neigung gerade zu dieser Lebensphase Goethes angesammelt, dass er sich berufen fühlte und in der Tat prädestiniert war, die zwei Jahre eines "Pilgrims auf heiliger Stätte" (nämlich Goethes knapp zwei Jahre in Italien und Sizilien) zu erzählen - so zu erzählen, dass diese Periode einmaligen Glücks der Begegnung mit Italien, mit der für immer vorbildlichen, alles heiligenden Antike, mit den Kunstwerken der Renaissance und mit den (als begrenzt erkannten) eigenen Fähigkeiten in der Zeichenkunst sowie mit der Liebe in ganz heidnisch-körperlichem Sinn zu leuchten beginnt. Miller entfaltet diese Jahre detailliert und ohne Hast, mit zahlreichen Wissensexkursen von so gründlicher wie charmanter Gelehrtheit, dass man merkt: Der fühlt mit seinem von grauen arbeitsüberlasteten Tagen im Norden und einer verfahrenen Liebesgeschichte erlösten Wanderer mit, der gönnt ihm den knapp 20 Monate lang genährten Wahn, "als Dichter auf die Dauer ein Teil Arkadiens werden" zu können.

Am eindrucksvollsten und unterhaltsamsten sind übrigens jene 150 Seiten bei Miller, worin er für ein vertieftes Verständnis der beiden Gedichtgruppen "Römische Elegien" und "Venezianische Epigramme" wirbt, in denen Goethe der Dichtung der Antike wie auch einer neuen deutschen klassizistischen Klassik mitsamt einer vitalen Launigkeit so nahe war wie vielleicht nie vorher und später.

Dass für Goethes Dichten nach 1790 die Zeit in Italien merkwürdigerweise gar keine so eindeutig stilprägende Wirkung hatte bzw. haben würde (woran allerdings nicht zuletzt auch die Französische Revolution schuld war . . .), dass also die italienische Reise eher Erfüllung und Abschluss einer Sehnsucht als zukunftsträchtiges Projekt war, notierte Goethe selbst ahnungsvoll in einer wenig zitierten Stelle des "Tagebuchs" der Reise unterm 5. Oktober 1786 in Venedig: "Auf dieser Reise hoff ich will ich mein Gemüt über die schönen Künste beruhigen, ihr heilig Bild mir recht in die Seele prägen und zum stillen Genuß bewahren. Dann aber mich zu den Handwerkern wenden, und wenn ich zurückkomme, Chymie und Mechanik studieren. Denn die Zeit des Schönen ist vorüber, nur die Not und das strenge Bedürfnis erfordern unsere Tage."

Die verfahrene Liebe aber, an der Goethe bis zu seinem Sichwegstehlen aus Karlsbad am 3. September 1786 immer mehr litt, war bekanntlich die zu Frau von Stein. Die Frage, was denn die über ein Jahrzehnt dauernde Affäre "eigentlich" war und ob die beiden nun haben oder nicht, ist etwa so interessant wie die Frage, ob der Getreidehändler Shakespeare die von ihm überlieferten Stücke schrieb oder ob es nicht doch der VIIth Earl of Oxford war - nämlich einerseits sehr interessant, andererseits gar nicht. Aber kulturhistorisch sind die beiden Fälle nicht ohne, und die gebildete Anbetung der Ikone Charlotte von Stein und der Respekt vor der Anbetung, die der größte poetische Genius der Deutschen ihr zollte, konnte und kann sich wenigstens auf ein nicht wegzuleugnendes Resultat stützen: die 1700 Briefe und Zettel, die Goethe ihr im Lauf der Jahre schrieb und die einen Schatz innigster und variantenreichster Prosa unserer Sprache darstellen.

In der Realität dürfte das Geheimnis von Glanz und schrecklich ernüchterndem Ende dieser Liebe darin stecken, dass Goethe, wie Herzog Carl August schnöde und treffend bemerkte, mal wieder zu viel in eine Frau hineinprojiziert habe. Begreift man Goethes Arbeit in Weimar bis 1786 als Selbstdisziplinierungsversuch, so passt die sieben Jahre ältere, attraktive, aber verheiratete Frau von Stein geradezu unheimlich gut in dieses psychische Setting: Sie war die "Besänftigerin", sprich: die Erzwingerin kultiviertester Sublimierungsleistungen. Da aber von keinem 26- bis 38-jährigen gesunden Mann zu erwarten ist, dass er lebenslänglich solche Sublimation erbringt, war das Ende dieser Geistliebe vorgezeichnet. Es stellt dem Gespür der sexualfeindlichen - wie man damals sagte: "spröden" - Frau von Stein, die ihre sieben Kinder von ihrem Stallmeister-Ehegatten abgewendeten Gesichts empfing - kein gutes Zeugnis aus, nicht zu verstehen, dass ein Mann von 40 Jahren auch mal was anderes will als "Geist" und "unio mystica".

Der Augsburger Germanist Helmut Koopmann hat auch einmal ein populäres Erfolgsbuch schreiben wollen, vom Schlage des Siegrid Dammschen Buches über Christiane Vulpius, aber dazu war er nun leider nicht naiv genug und obendrein ein schlechter, nämlich akademisch-leisetreterischer Psychologe, der sich nicht getraut, einen Spaten einen Spaten zu nennen. Eine neue These zur Natur dieses Verhältnisses hat er nicht. Die alten Thesen, etwa des Goethe-Fans und Psychoanalytikers K. R. Eissler hätte er vehement ablehnen können, aber im Niveau des Nachdenkens durfte er als Fachmann sich nicht unter Eissler oder auch das Niveau von Nicholas Boyle begeben.

Charlotte von Stein war, die sie war, und sie blieb es. Goethe aber hatte das Leben noch vor sich und entwickelte sich. Das ganze Rätsel fasst ein (so viel ich weiß: anonymer) Vierzeiler zusammen: "Frau von Stein /Went to bed at nine./ If Goethe went, too, /Nobody knew." Wir wissen es bis heute nicht, und es ist wohl auch gar nicht wichtig, aber spätestens ab dem 12. Juli 1788 interessierte auch Goethe die Chose nicht mehr so recht, denn ab diesem Tag ging er fröhlich, wie er es in Rom - Stichwort: "Faustina" - gelernt hatte, mit der Demoiselle Vulpius ins Bett, und das durfte nach kurzer Zeit in der Stadt Weimar und auf dem gesamten Erdkreis jeder wissen. Glückwunsch diesem Goethe, der in den nächsten Tagen seinen 253. Geburtstag feiert. (Von Jörg Drews/DER STANDARD;Printausgabe, 14.09.2002)

Norbert Miller, Der Wanderer. Goethe in Italien. EURO 51,40/732 Seiten. Hanser, München 2002.

Helmut Koopmann, Goethe und Frau von Stein. EURO 20,50/282 Seiten. Beck, München 2002.

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