Diskrete Beobachtungen

14. September 2002, 11:35
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Julian Schutting schreibt ein uneitles, wunderbares Tagebuch

Gezählte Tage – gezählt ab der Zeit, wo für mich alles so hätte bleiben können und sollen, Glück in der Arbeit, Glück in der Liebe, wäre nicht manchmal Beschwerde geführt worden, mit mir zu leben heiße alleingelassen zu sein, mehr allein als gleich ganz allein?" Von April 1997 bis September 2000 reichen die Tagebuchaufzeichnungen Julian Schuttings, und sie handeln von Nähe und Abstand, Weggehen und Wiederkommen, kurzen Reisen zu Lesungen und Schreibwerkstätten und vom Auf und Ab seiner Beziehung zu einer Frau, die er meistens "R." nennt.

Es sind uneitle, fast meditiative Anmerkungen zum Alltag, und in einer Zeit der lächerlichen, manischen Entblößungen von wohltuender, geradezu altmodischer Diskretion. Oft veranlassen Traumreste, merkwürdige Realitäts-Verrückungen im Halbschlaf, skurrile Reflexionen. Es entstehen seltsame magische Mischbilder aus Möglichem und Unmöglichem, überraschende Sprachspielereien, die sich auch dann ergeben, wenn der Autor quasi automatisch liest, was an optischen Signalen in seiner Umwelt ungefiltert in sein Bewußtsein strömt. Reklameaufschriften oder falsch abgeteilte Wörter bekommen so einen neuen Tief- oder Unsinn.

Nur selten macht der Autor seine Beobachtungen an konkreten Ereignissen fest. Das Unglück von Lassing taucht kurz auf, der Bombenbauer Franz Fuchs wird erwähnt, aber sonst sind die Aufzeichnungen Schuttings in einer anderen Wirklichkeit beheimatet. Im immer wiederkehrenden Bildern werden die Berge vor dem Fenster in allen Schattierungen des Lichts und des Nebels beschworen. Sterne, Bäume, Tiere spielen bei Schutting keine Statistenrolle zur Illustration der eigenen Befindlichkeit; sie sind genau und kenntnisreich beobachtet, leben aus sich selbst heraus. Das Lesen erfordert erhöhte Aufmerksamkeit, denn Grammatik und Wortfolge sind oft recht exzentrisch, weil die Eindrücke möglichst schnell und prägnant, sozusagen in Sekundenaufnahmen gespeichert werden wollen. Vor allem fehlt es dem Autor nicht an Humor – und seine andauernde belustigte Verwunderung über die menschliche Dummheit ist ansteckend.

(Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 14.09.2002)

Julian Schutting, Gezählte Tage. EURO 18,90/255 Seiten. Residenz, Salzburg,Wien 2002.

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