Reisen, imaginär

14. September 2002, 11:31
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Ein Sammelband mit literarischen Texten zu den beiden Amerikas

Was ist Amerika? Für viele wohl das Synonym für die USA, deren kulturelle Dominanz weltweit die Lebensstile der Menschen beeinflusst. Über das andere Amerika erfahren wir manchmal etwas in Zusammenhang mit Urwaldrodungen und Wirtschaftskrisen, kaum jedoch darüber hinaus.

Einen Annäherungsversuch haben zwei österreichische Autoren, Rainer Vesely und Bernhard Widder, unternommen. Und weitere eingeladen, das auch zu tun. Entstanden ist ein Sammelband mit hohen Ansprüchen, gegliedert in vier Kapitel, "Kunst, Literatur"; "Politik, Geschichte"; "Reise" und "Mythos", geografisch von Norden nach Süden geordnet, keine hierarchische Idee, sondern ein Versuch, der Komplexität der Themenkreise gerecht zu werden.

Ich nehme mir die Freiheit, diesen Vorgaben nicht zu folgen und begleite zunächst Georg Oswald, der an der Übersetzung von Carlos Montemayors Krieg im Paradies arbeitet und die Orte dieses Romans besucht: "Dem Original hinterher". Er hofft, Menschen zu begegnen, die noch wissen, wie dreißig Jahre zuvor das mexikanische Heer den Aufständischen von Lucio Cabanas nachstellte. Er erzählt eindringlich von seiner Spurensuche.

Großen Respekt vor einem der wichtigsten Lyriker Österreichs zeigt der Kubaner Francisco Díaz Solar: Ernst Jandl auf Spanisch . Dessen Spiel mit Lauten und einsilbigen Worten macht es scheinbar unmöglich, die deutsche Sprache zu verlassen. Doch Jandls Ausdrucksformen sind so vielfältig, dass es gelingen kann, meint Solar, schließlich steht ja höchstens das Scheitern des Übersetzers auf dem Spiel.

In Querungen wird gereist, nicht nur in dem Teil, der sich mit "Reise" betitelt. Im Einstiegsessay ist Leopold Federmair von Amsterdam nach Concepción, Chile, unterwegs. Seine Gedanken über Literatur und Ethik, Moral und Ästhetik stimmen philosophisch und räumlich sowohl in das Buch als auch in den Kontinent ein. Sich einzustimmen gelingt auch mit Bernhard Widders Beschreibung Keine Ortschaft, Impressionen und Erinnerungen von Reisen nach Mexiko, Kolumbien und Guatemala sowie Einblicke in Politik und Geschichte dieser Länder bilden eine poetische und informative Annäherung.

Die Historikerin Eloísa Rodenas erlebte Zensur und Verfolgung, musste sich monatelang verstecken. Sie beschreibt diese traumatischen Erfahrungen in ihrem Text Diktaturen - Argentinien im Frühling 1976 und fügt einen kurzen geschichtlichen Überblick über ihr Land hinzu.

"Die Poesie ist ein Gewehr, geladen mit Zukunft." Der letzte Satz ist auch der Titel des Beitrags von Christian Loidl, der ein halbes Jahr nach Erscheinen dieser Anthologie tragisch verunglückte. Dem Sog dieser Prosa kann man sich kaum entziehen. "Was sehen Leute, die nicht mit den Augen der Dichter sehen? . . . Was stellen die mit der Welt an?" fragt jemand in Loidls Text. Diese Frage sollten wir uns wohl öfter stellen.

Die Weite spürbar macht Klaus Hollinetz mittels Notizen zur Poetik des amerikanischen Raumes. In seiner differenzierten Abhandlung über Dichter wie Octavio Paz und Gary Snider, David Thoreau und anderen überlässt er den Schluss dem Philosophen Kenneth White: "(und der Leser setze hier ruhig anstelle von ,Indianerhüttensee' irgendein Bild aus seiner ganz persönlichen ,amerikanischen' Mythologie von Leere und Weite ein): Jedesmal wenn sich irgendwo in unserer Zivilisation ein leerer Raum auftut, beeilen wir uns - statt daß wir darin eine Gelegenheit sehen, unser Lebensgefühl zu vertiefen -, ihn mit Lärm, Spielzeug und ,Kultur' zu füllen. Deshalb brauchen wir Orte wie den Indianerhüttensee. Orte, an denen wir ,der Welt lauschen' können."

Die Beiträge der Anthologie sind subjektiv und auch die Auswahl ist es. Der Blick fällt eher auf Lateinamerika, aber nicht nur, er birgt Sichtweisen, die meist keinen Platz in unseren "News-Lines" haben, wo allzu oft "Information" mit "Sensation" gleichgesetzt wird. "Eine Annäherung, die sich um jene Art Genauigkeit bemüht, die das Ganze im Detail erkennt und die Details bei der Betrachtung nicht aus den Augen verliert", so die Beschreibung der beiden Herausgeber. Auch diese Sorgfältigkeit macht den besonderen Reiz von Querungen aus. (DER STANDARD; Printausgabe, 14.09.2002)

Rainer Vesely, Bernahard Widder (Herausgeber), Querungen. Literarische Texte zu beiden Amerikas. EURO 18,90/326 Seiten. Ritter, Klagenfurt 2002.

Von Sylvia Unterrader

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