Agentinnen des Patriarchats

16. September 2002, 12:51
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Die Ersten werden die Letzten sein - Ein Kommentar der anderen von Eva Deissen

In den goldenen Jahren rund um die so genannte 68er-Revolution, da war auch viel die Rede von der Frauenemanzipation. Abgesehen von den ganz wenigen Menschen, die das Wort "Emanzipation" richtig mit "Befreiung aus Abhängigkeit" zu übersetzen wussten, geriet es zum krass verstümmelten und absichtlich in herabsetzender Weise gegen Frauen verwendeten Schimpfwort: "Emanze". Was Ärgeres konnte man damals einer Frau nicht nachsagen. Wer wird ihr denn jetzt noch Feuer für die Zigarette geben, wer will so einer noch in den Mantel helfen? Kein Mann, der das Prädikat eines Kerls von echtem Schrot und Korn für sich beansprucht, jedenfalls.

Krieg und Nachkriegszeit waren vorbei, und da unterm Führer das diesbezügliche Geschichtsbewusstsein nicht gerade gepflegt worden war, hatten die Menschen innerhalb weniger Generationen vollkommen vergessen, dass es den scheinbar so neumodischen Begriff Emanzipation ja auch schon früher gegeben hatte, im alten Rom zum Beispiel, wo er die Freiwerdung von Sklaverei meinte.

Und rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, als allenthalben das Frauenwahlrecht erkämpft wurde, bewegte sich in der Frauenbewegung jedenfalls mehr als heute. Da viele dieser kämpferischen Frauen auch jüdisch waren, wurde die Erinnerung an ihre Leistungen für die moderne Frauengeschichte besonders sorgfältig ausgelöscht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nun, die Trümmerfrauen hatten ihr Teil für den Wiederaufbau geleistet, in dieser hoffnungsvollen Aufbruchszeit mit boomender Konjunktur und einem sehr aufnahmefähigen Arbeitsmarkt begab es sich, dass viele Frauen in so genannte Männerdomänen eindrangen.

Die erste Taxlerin

Hei, da gab es Reportagen! Die erste Rauchfangkehrerin. Die erste Tischlerin. Die erste Polizistin. Die erste Bankdirektorin. Die größte Sensation dieser Art war jedoch die erste Taxifahrerin. Einer Auto fahrenden Frau sein Männerleben anzuvertrauen, huch!

"Wenn eine Frau tüchtig ist, kann sie aus eigener Kraft alles erreichen, da braucht sie noch lange keine Emanze zu sein", war einer der Stehsätze, den gedankenlos immer wieder herzuplappern leider und vor allem auch Frauen nicht müde wurden.

Viel oberschlau dahergeplappert wurde auch, wie man Familie und Beruf "unter einen Hut bringt", ohne dass der Göttergatte sowie die Kinderlein auf alle Annehmlichkeiten einer exklusiven Bedienung durch Ehefrau & Mutter verzichten müssen.

Inzwischen hatten die Amerikanerinnen, wie so oft, schon ein wenig besser und weiter gedacht und kreierten den Ausdruck "the glass ceiling", der gläserne Plafond. Damit bezeichneten sie jene unsichtbare Obergrenze innerhalb der Hierarchien, die eine Frau bei aller so genannten Tüchtigkeit nie durchstoßen wird.

Im Falle der Noch-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer wäre dieser gläserne Plafond selbst in ihren besten Zeiten zwischen dem Sessel des Vizekanzlers und dem des Kanzlers undurchdringbar eingezogen gewesen.

So, wie mir damals beim Jubel über die erste Rauchfangkehrerin etc. leicht flau in der Magengrube geworden ist, so wurde mir erst recht flau, als Jörg Haider seinerzeit seine Susi als Vizekanzlerin installierte. Die erste Frau als Vizekanzlerin! Welch ein Paukenschlag! Schaut's nur her, ihr roten Emanzen, was hat die rote Emanze Dohnal als - nebbich! - Frauen-Staatssekretärin denn schon zusammengebracht außer ein paar hasserfüllten Diskussionen auf bestem "Staberl"-Niveau? Bei uns Blauen hingegen kann eine Frau sogar in höchste Regierungsämter aufsteigen, ganz ohne das widerliche Emanzengetue!

"Ich will Frau bleiben", sagten mir im Lauf der Zeit ich weiß nicht mehr wie viele oberschlaue Damen. "Das wird sich ohne chirurgischen Eingriff in Casablanca auch kaum ändern lassen, gnädige Frau", war dann immer meine Antwort, die nicht immer verstanden worden ist.

Was natürlich Damen à la Riess-Passer, Forstinger, Partik-Pablé & Co. immer tunlichst aus ihrem Weltbild ausblenden: dass ihre scheinbar so großartige Karriere immer und überall und in jeder Sekunde kein Produkt ihrer Emanzipation, ihrer Unabhängigkeit also, ist, sondern das der totalen Abhängigkeit von ihrem Mentor und Gönner Haider, der sie als Aushängeschild für die Öffentlichkeit bzw. für das gewaltige Stimmenpotenzial der weiblichen Bevölkerungsübermacht geschickt einsetzt, solange er sie brauchen kann, und dann fallen lässt wie einen heißen Erdapfel, sobald sie nicht mehr in seine strategischen Planspiele passen oder gar, wie im Falle Riess-Passer, zu aufmüpfig werden.

Ein Sonderfall von seltsamer Verknüpfung von politischer Karriere und privaten Beziehungen war wohl das ruhmlose Gastspiel der blauen Infrastrukturministerin Monika Forstinger, die das Monsterressort zugespielt bekam und zufälligerweise in Wien eine Zweitwohnung des Industriellen Prinzhorn bewohnte . . .

Heide Schmidts Tragik

Man erinnere sich nur an die Tragödie der Heide Schmidt. Aus aktuellem Anlass versuchte mir jemand zu erklären, dass "die Heide" doch ein ganz anderes Kaliber als Riess-Passer gewesen sei. Eine wirklich emanzipierte Frau eben. Aber das kann ich so auch nicht akzeptieren, denn ich erinnere mich sehr wohl an eine Reportage in der Kronen Zeitung, die den Titel "Tauch an, Heide!" trug und die mit einem gestellten Foto illustriert war: Jörg Haider, grinsend und stehend auf einer Kinderschaukel. Heide Schmidt versetzte ihn, tief unter ihm stehend, in Schwingung. Dieses Bild sagte mehr als die sprichwörtlichen tausend Worte.

Es verkörperte für mich genau jenes Frauenbild, das so treffend mit "Agentin des Patriarchats" bezeichnet wird. So genannte Karrierefrauen, von denen alle sagen, sie sind so unerhört tüchtig und selbstständig, wahrscheinlich glauben sie das sogar selbst. Und in Wirklichkeit sind sie nichts als Marionetten jener Männer, über die sie sich hochturnen wollen. Ohne sich selbst einzugestehen, dass sie eben nur an einem Faden hängen, den der Puppenspieler jederzeit loslassen oder ganz durchschneiden kann. Abhängig eben. Alles andere als emanzipiert.

Riess-Passer hat sich durch ihre eiserne Konsequenz, zum Thema Frauenpolitik im Lauf ihrer Karriere nicht ein relevantes Sterbenswörtchen zu verlieren, immerhin gewisse Sympathien erworben. A verheiratete Frau, oba ka Emanze. Dafür wurde ihr sogar verziehen, dass sie kein Kind zum Vorzeigen hat, an und für sich ein schwerer Makel in Mutterkreuz-Kreisen wie den ihren. Das Thema Frauenpolitik - oder was noch an kümmerlichen, lächerlichen Resten davon vorhanden war - wurde zum Obermacho Haupt entsorgt, der dieses wichtige Ressort zum "Zimmer sex" verlächerlichte und der Vergessenheit anheim gab. Was brauchen wir heutzutage noch diese altmodischen Emanzen, wo wir doch das Kindergeld als Segen für alle Frauen eingeführt haben?

Riess-Passers Desaster

Darum ist mir immer flau im Magen geworden, wenn ich schon wieder ein Statement aus dem zackigen Schnattermündchen von Riess-Passer hören musste. Das Menetekel stand ja schon an die Wand geschrieben, als Haider sich scheinbar aus der Bundespolitik zurückzog.

Am Tag, als Jörg Haider Susanne Riess-Passer eine so genannte "Generalvollmacht" erteilte, traf ich zufällig den ehemaligen Vizekanzler Steger, entspannt bummelnd in der Innenstadt. "Wennst bei der FPÖ a Generalvollmacht kriegst, bist so gut wie erledigt", feixte er, denn er sprach aus Erfahrung.

Das Desaster der Riess-Passerschen Regierungsarbeit wird der Sache der Frauen in der Politik in Zeiten wie diesen nun nachhaltig unendlichen Schaden zufügen. Da ist doch eine, no, wie hat's doch gleich g'heißn, sogar einmal Vizekanzlerin g'wesen, na, und was hat's z'sammbracht? An Schmarrn. A richtige Xanthippe war des, nur Probleme hat s' dem Jörgl g'macht. Typisch Frau. Das wird das Einzige sein, was in den Hirnen der Öffentlichkeit von der bis dato ranghöchsten Frau in einem politischen Amt hängen bleiben wird. Auch sie wird bald eine der "ersten Frauen" gewesen sein, die eigentlich das Letzte sind.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14./15.9.2002)

von Eva Deissen
Die Autorin ist langjährige Kolumnistin der "Kronen Zeitung" und später beim inzwischen eingestellten "täglich Alles"
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