Transsexualität ist kein Genschaden

13. September 2002, 20:27
posten

Ein Wiener Genetiker untersuchte erstmals für Sexualität entscheidende Teile der DNA von Operationswilligen und fand nichts

Wien - Ein Mann, der sich zur Frau umoperieren lässt, darf hierzulande mit Unverständnis rechnen. Im harmlosesten Fall. Auch Frauen, die sich für Umgekehrtes entscheiden, gelten vielen als gestört oder krank. Zu Unrecht, zeigen nun ForscherInnen der Uni Wien mit der Genanalyse von Menschen vor der Operation: "Wir fanden keine Störung", sagt Markus Hengstschläger.

Der Genetiker, der seine Ergebnisse auf der Gender-Konferenz der WHO im Wiener Rathaus (ab Montag, siehe Webtipp) präsentiert, hatte die Ursachen von Transsexualität zu suchen begonnen: "Was führt dazu, dass sich jemand eindeutig als Mann oder Frau fühlt und dafür auch zu aufwändigen medikamentösen und schmerzhaften operativen Eingriffen bereit ist?"

Hengstschläger suchte zunächst nach besonderer Chromosomen-Zusammensetzung: Fehlanzeige. Keiner der 61 StudienteilnehmerInnen, gegen deren medizinische Unterversorgung sich der Gynäkologe Michael van Trotsenburg engagiert, zeigte im Bluttest eine Abweichung von der für sein Geburtsgeschlecht typischen Ausstattung.

"Dann haben wir uns die Gene für Androgen- und Östrogenrezeptoren angeschaut", berichtet Hengstschläger dem STANDARD. Doch auch die Steuerung der Andockpunkte für Hormone war in der Norm. Nächster Ansatzpunkt war jener Y-Chromosom-Abschnitt, der für das Geschlecht bestimmend ist (SRY oder Sex-determining region).

Lauter Mäderln

Als Embryonen waren wir alle weiblich geprägt, der Genschalter in der SRY auf "Aus". Bei Buben wurde er nach zwei Wochen umgelegt. Mögliche Erklärung für Transsexualität also: Bei als Buben Geborenen, die dank Chirurgen Frauen werden wollen, wäre der SRY dereguliert. Doch wieder nichts: Alle angehenden Frauen waren auf Männer gepolt. Fazit des Genetikers nach weiteren Tests: "Wir konnten keine Veränderungen finden." Dass sich Transsexualität nicht durch den Stammbaum zieht, bestätigt den Befund.

Nicht dass der 34-Jährige, dessen Arbeit demnächst im angesehenen Journal Fertility and Sterility erscheint, dem Gen-Determinismus anhängen würde. "Gene und Umwelt" gehören für ihn bei der Entwicklung zusammen. "Aber", sagt Hengstschläger nachdenklich, "hier scheint alles Umwelt zu sein." Das würde indirekt viele Erklärungsmodelle bestätigen. Weit verbreitet sind psychologische Zugänge.

Aber auch die könnten ins Leere gehen, wenn sich doch noch etwas biologisch Determinierendes fände, was Hengstschläger nicht ausschließt. "Dann können Sie dem auf der Couch erzählen, was Sie wollen. Das lässt sich dann nicht wegtherapieren."

Und was könnte dieses andere Biologische sein? "Vielleicht", spekuliert Hengstschläger, "eine Substanz mit bisher nicht bemerkter Auswirkung auf die Hirnstruktur." Also etwa ein Protein, das bisher nicht für Sexualität, sondern für andere Funktionen verantwortlich gemacht wurde, aber eben eine Zweitfunktion im Hirn ausübt.

Damit knüpft Hengstschläger an, wo Hirnforscher Dick Swaab in Amsterdam 1995 mit einem neuen Fund aufgehört hat: Er fand geschlechtsspezifische Unterschiede bei Zellzahl und Größe einer Region des Hypothalamus, die bei Transsexuellen dereguliert schienen. Das genetische Gegenstück dazu fehlt.

(Roland Schönbauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14./15.9.2002)

Share if you care.