Nach dem Unfall

13. September 2002, 19:33
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Schüssels Stil: ein Mix aus eiskaltem Zynismus mit einem Schuss Größenwahn, befindet Günter Traxler in seiner Kolumne

Nach dem großen Betriebsunfall der schwarz-blauen Regierung und dem "kleinen Betriebsunfall" ihres Hinscheidens unter grotesken Umständen sind die Wähler nun also aufgerufen, für die Behebung der Schäden zu sorgen. Wie weit sie dabei gehen werden, das zu beeinflussen, müssen sich die Parteien in den nächsten Wochen bemühen. Am meisten bemüht hat sich vom ersten Tag an der Bundeskanzler, und er weiß warum. Bei ihm ist der Erklärungsbedarf, die Unfallursachen betreffend, naturgemäß am größten. In Ausübung dieser Funktion hat er schon einige Äußerungen produziert, die den Unterschied zum Wahlkampf 1999/ 2000 deutlich machen. Diesmal gibt er gar nicht erst vor, in Opposition gehen zu wollen, sollten ihm die Wähler Unerwünschtheit signalisieren. Etwas anderes als eine Fortsetzung seiner Kanzlerschaft soll sich in den Köpfen der Wähler nicht einmal als theoretische Möglichkeit festsetzen können.

Hauptzweck dieser Übung ist es, vor allem in den eigenen Reihen jeden - auch dort ja gelegentlich aufblitzenden - Zweifel an der Richtigkeit seines politischen Weges von vornherein zu unterdrücken. Bei "Ich oder Gusenbauer" werden skeptische Funktionäre zu einer für ihn ungefährlichen Entscheidung neigen, bei einer ÖVP-internen Personenabwägung könnte sie nach dem grausigen Abenteuer mit Jörg Haider auch anders ausgehen. Die Überrumpelung der eigenen Funktionäre ist fürs erste jedenfalls gelungen, ob das bei den Wählern ebenso leicht gehen kann, wird eine interessante Erfahrung der nächsten Wochen werden.

Der Stil, in dem sich Schüssel dem Wahlvolk empfiehlt, ist ein Mix aus eiskaltem Zynismus mit einem Schuss Größenwahn. So bezeichnete er sich selbst in einem Interview mit News im Bemühen, Verdienste nachzuweisen, als einen Kanzler, "der in drei großen Krisen bewiesen hat, was Krisenmanagement ist", nämlich bei den internationalen Sanktionen gegen die schwarz-blaue Regierung, "jetzt in der Krise der FPÖ" und "in der Hochwasserkrise".

Wozu nur anzumerken ist: Im erstgenannten Fall rühmt er sich der Bewältigung einer Krise, zu der es ohne ihn nie gekommen wäre; die Krise der FPÖ managte er durch Flucht aus derselben in vorzeitige Neuwahlen, und mehr an Bewährung wäre nicht gewesen, hätte es nicht noch die Flutkatastrophe gegeben. Aus einer bösen Laune der Natur seine göttliche Auserwähltheit als Krisenmanager und Bundeskanzler abzuleiten, hebt er sich vermutlich für den Endspurt des Wahlkampfes auf. Man muss sich steigern können.

Obwohl man das nach einem anderen, Donnerstag in Kärnten gesprochenen Satz, fast nicht mehr für möglich hält. Nach all den Erfahrungen, die das politisch interessierte Publikum in den letzten zweieinhalb Jahren mit seinen Partnern machen durfte, schreckt er vor der gefährlichen Drohung nicht zurück: "Meine Erfahrungen werden eine große Rolle bei der Auswahl künftiger Partner spielen." Das allein müsste reichen, den Mann künftig von jeder Möglichkeit einer Partnerwahl auszuschließen. Auch schon deshalb, weil er ständig mit der obskuren Frage hausieren geht: "Wer soll Österreich führen?" Offenbar hat Jörg Haider ihn so weit gezähmt, dass er bereits in dem Wahn lebt, ein neuer Führer zu sein.

Eines ist Schüssel in diesem Wahlkampf aber zugute zu halten, so früh es auch noch ist. Diesmal beschummelt er uns nicht, was den künftigen Partner seiner Liebeswahl betrifft. Niemand muss fürchten, er spricht sich nur zum Schein für eine Fortsetzung der schwarz-blauen Koalition aus, hat aber längst einen Pakt mit Gusenbauer in der Tasche. Und das ist ein großer Trost. (DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.9.2002)

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