Wahlverwandtschaften

13. September 2002, 19:21
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Das Platzen der schwarz-blauen Koalition hat uns den Glücksfall beschert, zumindest zwei Wochen lang den österreichischen... - Von Josef Kirchengast

Das Platzen der schwarz-blauen Koalition hat uns den Glücksfall beschert, zumindest zwei Wochen lang den österreichischen mit dem deutschen Wahlkampf vergleichen zu können. Und allein dafür muss man Haider und Schüssel dankbar sein.

Denn die Parallelen sind erstaunlich. Die deutsche Regierung hat die Steuerreform wegen der Hochwasserkatastrophe verschoben. Wie die österreichische. Die deutsche Opposition ist dagegen und fordert trotz der Mehrausgaben Steuererleichterungen. Wie die österreichische. Das absehbare Loch im Budget wird flugs mit einem behaupteten höheren Wirtschaftswachstum (als Folge der steuerlichen Entlastung) gestopft.

"Schulden sind ein süßes Gift. . . . Wir dürfen die für den Schuldenberg Verantwortlichen nicht wieder ans Werk lassen", sagt der deutsche Finanzminister Eichel (SPD) zu den Begehrlichkeiten der Opposition. Könnte man wortwörtlich vom österreichischen Noch-Finanzminister Karl-Heinz Grasser (FPÖ) hören (wenn er noch Wahlkämpfer wäre).

Die Regierung habe Deutschland und sein Sozialsystem "heruntergewirtschaftet", sagt der Chef der größten Oppositionsfraktion im Bundestag, Friedrich Merz (CDU). Könnte, auf Österreich bezogen, eins zu eins von seinem Kollegen im Wiener Nationalrat, Josef Cap (SPÖ), stammen.

Bei so viel Gemeinsamkeit jenseits von Parteiprogrammen wundert man sich, wie es zwischen der schwarz-blauen Regierung in Wien und ihrem rot-grünen Pendant in Berlin jemals Irritationen geben konnte. Richtig - es ist ja Wahlkampf. Und in diesem sind bekanntermaßen auch die Grundrechnungsarten außer Kraft gesetzt. Wer will da noch in ideologischen Fragen pitzelig sein? (DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.9.2002)

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